Dienstag, 27. Oktober 2015

Flüchtlingspolitik

von Zauselina Rieko

Mia ist ein Flüchtlingskind, geboren zu Beginn dieses Sommers. Wir haben sie bei uns aufgenommen, weil sie eines Tages einfach in unsere Wohnung spaziert ist und beschlossen hat, uns zu adoptieren. Mia war krank. Sehr krank. Katzenschnupfen. Husten. Entzündete Augen. Parasiten im Fell. Untergewicht und viel zu klein, wesentlich kleiner als ihre Geschwister aus demselben Wurf. 


 

Mit diesem Gewicht und den Krankheiten hätte sie den ersten Frost vor drei Wochen sicherlich nicht überlebt. Von daher war ihr Entschluss, unsere Wohnung als ihr neues Zuhause auszusuchen, Ausdruck von Überlebenswille und gesundem Katzenverstand.

Natürlich ist mir die Flüchtlingsproblematik bewusst, denn Mia gehört zu den Flüchtlingen zweiter Klasse, den verwerflichen, den Wirtschaftsflüchtlingen. Ich meine, es gab in unserem Garten keinen Krieg zwischen verfeindeten Katzenbanden. Niemand hat Bomben in unseren Garten geworfen, um kleine Katzenkinder zu töten. Mia ist aus rein wirtschaftlichen Gründen geflüchtet: Die Gesundheitsversorgung in unserem Haushalt ist besser, und jeden Tag bekommt sie frisches Futter vorgesetzt. Eigentlich hätten wir sie wieder abschieben müssen.

Gestern in der Brennende Buchstaben Sprachschule haben wir einen aktuellen Zeitungsartikel gelesen zum Thema "Flüchtlinge". Yaku, einer der Teilnehmer, hat es mal so auf den Punkt gebracht: "Ich wüde es genauso machen." Ist damit nicht alles gesagt? Warum sich den Kopf zerbrechen über "gute" und "schlechte" Flüchtlinge? Warum ein Klassensystem für moralisch positive und moralisch negative Flüchtlinge entwerfen?

Warum den Planet Erde, der uns allen geschenkt wurde, mit Grenzen zerfurchen und Gesetze erlassen, die Menschen in Klassen einteilen, die ihnen Plätze vor und hinter diesen Konstrukten von Gebieten zuweisen? Warum hat Gott, der Superingenieur, die Erde wohl als Ball entworfen - ich kann rund 40.000 km geradeaus laufen, ohne mit der Nase an eine Grenze zu stoßen - und nicht als rechteckige Bauplatte, die man in Planquadrate mit Schlagbäumen einteilen könnte?

Jedenfalls ist das Thema auch in einem Sprachkurs wichtig. Wir waren zusammengekommen aus der halben Welt – Polen, Schweden, Großbritannien, Deutschland, Spanien. Alle gemeinsam haben wir uns mit der deutschen Sprache beschäftigt, über das Wort "Baracke" nachgedacht und herausgefunden, dass es ein Einwanderer ist, von man dem nicht mehr genau weiß, aus welchem Land er zu uns gekommen ist – vermutlich kommt es vom französischen oder spanischen Wort für "Lehm".

Mia geht es übrigens inzwischen sehr gut. Sie ist gesund, hat zugenommen und ist sogar schon gewachsen. Ihre anfängliche Ängstlichkeit ist verflogen, und sie tappst munter durch die ganze Wohnung.

Wenn ich jetzt mit Leuten chatte, kann &&&&&&&iiiirrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr es seinnnnnnnnnnnnnn, dass sie überrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr meäüklgshazzevfnjsk Tastatur latscht und mitschrerrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrahsgzag bt. Also nicht wwwwwwwwwwwwwundern, wenn ich komische Sachen983402861005 tippe.

Das ist Mia, unser überlebender Wirtschaftsflüchtling. Sie beteiligt sich manchmal an den Diskussionen. Die nächste Deutschstunde ist am Montag, dem 2. Novembar ab 20 Uhr.

  http://maps.secondlife.com/secondlife/Kreativdorf/78/105/799
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