Freitag, 21. Februar 2014

Die Sache mit der Literatur im Cyberspace

von Kueperpunk Korhonen


Beim Stöbern im alten Blogarchiv ist mir aufgefallen, dass die Brennenden Buchstaben ziemlich genau vor vier Jahren damit begonnen haben, konsequent und regelmäßig Lesungen in SecondLife zu veranstalten. Vorher hat die Gruppe zwar auch schon Literaturevents organisiert, vor 2010 aber eben nur sporadisch.
Die erste Veranstaltung, mit der wir damals gleichzeitig unser virtuelles Literaturcafé KrümelKram eröffneten, war – man glaubt es kaum - eine Märchenlesung in entsprechender Kulisse.
Von der Idee, den Cyberspace als Literaturbühne zu nutzen, waren wir schon zu Beginn unserer jeweiligen SecondLife-Aktivitäten fasziniert. Ich hatte Anfang 2009 meine Story „Projekt 38 – Das Spiel der kleinen Ursachen“ in der englischen Version als Bühnenstück in SecondLife inszeniert. Nennen wir es eine Ein-Mann Theatershow. Zauselina hatte ebenfalls einige Lesungen organisiert und dabei Feuer gefangen.
Über unsere Projekte bloggen wir bekanntlich regelmäßig, sowohl bei den Brennenden Buchstaben als auch auf Kueperpunk. Aber wie ist der Stand der Dinge denn nun nach vier Jahren Literaturevents im Metaversum?
Gab es eine Entwicklung?
Oder lest ihr regelmäßig vor leeren Reihen?
Wir erwähnen ja gelegentlich gewisse Ressentiments gegen Veranstaltungen wie die unseren. Das könnte doch gar nicht funktionieren, da gäbe es doch gar kein Publikum,und mit Kultur hätte das alles ohnehin nichts zu tun.
Das sahen wir schon damals völlig anders und heute erst recht. Mal davon abgesehen, dass wir uns nie anmaßen würden, zu definieren, was Kultur ist und was nicht.
Wir machen das jetzt seit vier Jahren, haben mittlerweile über 100 Veranstaltungen organisiert und die Frequenz unserer Lesungen steigt  rapide.
2010 waren die ersten bekannten Autoren, die wir gewinnen konnten, Lea Korte und Oliver Buslau. Oliver hatte selbst schon vorher aktiv Lesungen in SecondLife gemacht. Für Lea waren Veranstaltungen im Cyberspace Neuland, sie interessierte sich aber dafür. Christian Kathan war ebenfalls im Jahr 2010 Vortragender bei einem unserer ersten Events.
Unsere Zuhörerzahlen im Jahr 2010 lagen zwischen 10 bis maximal 15 Zuhörern. In der Tat nicht überwältigend und Lichtjahre entfernt von gefüllten Hallen. Zahlen, die aber auch ziemlich genau denen entsprechen, die wir von Lesungen auf realen Conventions oder in Buchläden an der Ecke kennen.
Die virtuelle Welt spiegelt die wirkliche ziemlich authentisch wieder.
15 Zuschauer maximal anno 2010 waren ein Anfang und für uns immerhin Grund genug, weiter regelmäßig Autoren ins SecondLife zu holen.
2014 sehen die Zahlen etwas anders aus. Die durchschnittliche Zuschauerzahl liegt jetzt etwa bei 23 Besuchern pro Lesung.
Für uns dabei besonders wichtig: Es sind nicht immer dieselben, neue kommen hinzu - und auch wieder.
Und: Sie sind aufmerksam, verfolgen die Vorträge tatsächlich, stellen nachher Fragen, versuchen mit den Autoren ins Gespräch zu kommen.
25 Zuhörer sind für uns ein ansehnliches Ergebnis, aber wir erleben auch deutlich besser besuchte Events. Mittlerweile haben wir tatsächlich die 50er Marke geknackt, zuletzt beim Festival der Liebe 2013 im letzten Oktober.
Besonders gut besuchte Lesungen waren die von Uwe Laub am 16. November mit 36 Avataren in SecondLife und 120 Zuhörern auf dem Radiostream. Ebenso gut besucht, der Auftritt von Sean O´Connell vor wenigen Tagen mit 30 Avatar-Zuhörern. Auch Markus Gerstings Lesung im Januar auf der Meisterbastler SIM hat mit 25 Gästen ein gutes Ergebnis erzielt.
Das sind die Zahlen, so wie sie sind - ausbaufähig, aber von Desinteresse kann keine Rede sein. Ganz im Gegenteil.
Anekdote nebenbei: In kleineren Grids haben die unerwartet hohen Zuschauerzahlen oberhalb von 20 gelegentlich Crashs ausgelöst, weil sie kleinere Server überlasteten. Dort hat man sich aber mittlerweile darauf eingestellt, dass unsere Literaturevents besser besucht werden, als man erwartet hatte.
Ja, tut uns leid, wir versprechen, dass wir uns bessern werden ...obwohl ... eher nicht. Mit mehr Zuschauern wird zu rechnen sein! 
Bis Februar 2014 haben wir rund 65 Autoren bei unseren virtuellen Lesungen begrüßen dürfen, von denen die meisten mehr als einmal bei uns waren. Wir schließen für uns daraus, dass ihnen das alles genau so viel Spaß gemacht haben muss wie uns.
Autoren für eine Lesung im Cyberspace zu interessieren war nie besonders schwierig. Nun kommen sie aber auch von sich aus auf uns zu und fragen nach möglichen Auftritten in SecondLife und was man dafür braucht.

Informationsbereich mit Anleitung
 und Freebies für Autoren, die zum ersten Mal
 in SecondLife lesen. Mit dem Telefon
 an der Wand
 kann man uns zur Hilfe rufen.

Dafür haben wir übrigens mittlerweile eine Art Landepunkt speziell für Autoren, an dem man technische Hinweise findet, sowie eine ausführliche Anleitung und auch Leseanimationen für  Avatare. BukTom Bloch hat diesen Bereich bei uns noch ausgebaut, Feinschliff betrieben und einen Vendor mit  nützlichen Freebies für Vortragende  installiert. SLURL: http://maps.secondlife.com/secondlife/Kreativdorf/20/215/24

Wie geht es jetzt weiter?

Als die ersten SecondLifer vor Jahren damit angefangen haben, Kunst in SecondLife zu machen, beklagten kritische Stimmen, dass den Usern bei den all den Freiheiten, die virtuelle Realität bietet, nicht mehr einfällt, als Bilder an Wände zu hängen.
Das hat sich in den letzten Jahren natürlich sehr geändert und, - das möchte ich hinzufügen - es gibt einige Künstler, deren Bilder an den virtuellen Wänden ich auch sehr schätze.
Bei unseren Lesungen war die Entwicklung ähnlich:
Wir haben eine Bühne aufgebaut, Stühle aufgestellt und die Autoren haben gelesen. Wir haben also nichts anderes getan, als eine reale Lesung nachzustellen. Teilweise tun wir das auch jetzt noch sehr gern, und natürlich soll ein literarisches Werk für sich selbst stehen.
Sich darauf zu beschränken, würde aber bedeuten, das Potential ungenutzt zu lassen.  Da geht mehr, wie zum Beispiel:
Szenische Lesungen…

…bei denen Dialoge tatsächlich auch von verschiedenen Darstellern gesprochen werden. Zum Beispiel bekannten Autoren, die sich nicht am selben geographischen Ort aufhalten müssen und die man sonst wohl nie gemeinsam auf der Bühne sehen würde. 
Und wo erlebt man schon mal, dass Frank Sorge, einer der Berliner Brauseboys, mit den Cyberpunk- Autoren Michael Iwoleit  aus Wuppertal und Thorsten Küper aus Herne eine Story über manipulierte Nuklearwaffen liest?


Literaturevents in passenden Bühnenbildern wie sie bei Realveranstaltungen nicht möglich wären…



Kombiniert mit szenischen Lesungen könnte man solchen Events interaktive Züge verleihen. Etwa so wie bei der simulierten Evakuierung aufs Luftschiff zu Beginn von Marco Ansings Steampunk Lesung im Juli 2013.






Theaterstücke in SecondLife…

In dieser Richtung sollte mehr passieren. Ich selbst habe bisher nur mit den Ein-Personen Stücken „Projekt 38“ und „Debugging You“ zwei Experimente in dieser Richtung unternommen. 
Allerdings sind Theaterstücke wegen des Probenaufwands auch besonders schwer zu organisieren. Ein Ensemble von Avataren bei der Stange zu halten, ist genau so schwierig, wie mit echten Schauspielern zu arbeiten. Dafür hat nicht jeder das richtige Händchen.


Lesungen und Kunst…



Literatur und Musik…

…sollte man viel öfter kombinieren. Automatic Quandry hat mich bei zwei Lesungen mit einem Live Ambient Soundtrack unterstützt, den er zeitgleich per Stream eingespielt hat. Am 8.März ist er wieder als Musiker dabei, wenn ich in der Meisterbastler Bibliothek „Reconstructor“ lese.


Comedy und Slams…

Auch davon brauchen wir mehr. David Grashoff war zweimal bei uns zu Gast, einmal mit seinem aktuellen Programm Dirty Nerd, das er eigentlich für die Holzbühne geschrieben hat, und das er bei uns zum ersten Mal virtuell abgeliefert hat.
In den letzten Jahren gab es auch immer mal wieder Kabarett Programme von mir zu sehen, wie „Nerdy but lovin it“ oder „Die Rückkehr des medialen Aufmerksamkeitstäters“ und auch solche zusammen mit Zauselina.
Theoretisch sind natürlich richtige Poetry Slams möglich. Das wäre ein echtes Novum zumindest im deutschsprachigen SecondLife.



Am 25. April werden wir übrigens zum zweiten Mal unser BB E-Book Event eröffnen. Einen Monat lang dreht sich dann alles bei uns um E-Books. Autoren stellen ihre Werke an „Büchertischen“ vor, und  es wird  – klar – viele Live Lesungen zu erleben geben. Mit dabei sind zum Beispiel Fay Ellison und Bernhard Giersche. Aber da kommt noch mehr.

Außerdem trifft sich ab März wieder an jedem ersten Donnerstag eine Schreibgruppe im Biergarten des Kafé KrümelKram. Ein Projekt vonWilfried Virtuell und Baldur Bellios,  die Autoren einladen, sich mit ihnen über das Schreiben im allgemeinen, eigene Texte und Erfahrungen bei der Veröffentlichung von Büchern auszutauschen. Auch Markus Gersting und ich werden dabei sein.
Oliver Buslau hat bereits signalisiert, dass er dort ebenfalls gern aus der Praxis eines Schriftstellers berichten wird.

Wir würden uns freuen, Euch demnächst bei einer unserer Veranstaltungen begrüßen zu dürfen. Entweder als Autor, Perfomer, Künstler oder als Gast. Wenn ihr Hilfe beim Einloggen in die virtuelle Welt braucht, dann wendet euch an Kueperpunk oder Zauselina.
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