Montag, 17. Dezember 2012

Rezension "VARN"

von BukTom Bloch




Hier einmal eine (natürlich subjektive) Rezension von mir zu einem neueren Buch, dessen Handlung überwiegend in Second Life verortet ist:


"VARN"
(Erzählung von Volker König)
EUR 8,50, Taschenbuch, 106 Seiten
Latos Verlag; 1. Auflage (19. November 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3943308103
ISBN-13: 978-3943308105
Größe: 19 x 12 x 1,2 cm
FSK - Vermutung: ab 16

Backcovertext:
"Varn betritt die virtuelle Welt der Second Life Avatare. Sein menschenscheuer Schöpfer verliebt sich dort in Alida. Eine Tragödie bahnt sich an."

Zwei Welten - eine Seele! Wahre Tragödien beginnen im Kopf?

Volker König, Jahrgang 1965, ist Biologe und Schriftsteller. Und Second Life (SL) erfahren. Dies weiß nicht nur der Rezensent, der ebenfalls seit 2007 aktiver Bewohner dieser ältesten und größten Welt der VR, der virtual reality, ist, dies zeigt sich auch in den sachkundigen und emotional nachvollziehbaren Schilderungen Königs, die das besagte 3D-Environment betreffen.
Oberflächlich betrachtet kann man die zugrunde liegende Idee als zwar durchaus originell, aber nicht wirklich zwingend als besonders außergewöhnlich ansehen (zumindest, wenn man selbst ein "resident" ist). Dennoch liegt hier aber noch so einiges mehr verborgen ...
Zur Handlung:
Ein sozial recht isoliert lebender Schriftsteller entdeckt für sich - und für die Bekanntmachung seines bislang wichtigsten Werkes - die Plattform Second Life. Eine Welt, in die er sich technisch und sozial zunächst einfinden muss, deren mögliche Potentiale er aber instinktiv erkennt. Diese Welt fasziniert ihn, diese Mischung aus einer Nachahmung der anderen, der so genannten realen Welt und dem "touch of wonder", eines Kontinuums, im dem fast nichts unmöglich erscheint. Ein wenig fühlt er sich dabei wohl wie der Gefangene in Platons Höhlengleichnis, der losgebunden und genötigt wurde, aufzustehen, sich umzudrehen, zum Ausgang zu schauen und sich den Gegenständen selbst, deren Schatten er bisher beobachtet hat, zuzuwenden.
Schnell erkennt er aber auch die Schwachstellen, die menschlichen, allzu menschlichen Schwächen etlicher Bewohner. Fehler der ersten Welt werden wiederholt, Fantasielosigkeit statt Kreativität ist nicht selten vorzufinden und auch auf "Schmuddelecken" trifft er hier durchaus. Die Erkenntnis, dass diese Welt eben eine GANZE Welt ist, kommt ihm dabei leider nicht wirklich - und milde ist sein Urteil über derlei weder in diesem noch in jenem Leben.
Dennoch wendet er sich keineswegs ab und findet auch tatsächlich Menschen und Gelegenheiten, die sein "Monument", einen auch nach SL-Maßstäben recht originellen Werbeträger) verbreiten helfen. Dies dann natürlich wesentlich seltener und zufälliger, als es eine überlegte und geplante Suche nach Menschen mit ähnlichen Interessen mit Sicherheit erbracht hätte - aber es geschieht.
Der Schöpfer Varns lebt sozial isoliert. Er hat zu vielen Dingen des Lebens eine feste, nein starre Attitüde. Dies betrifft auch den Bereich des Zwischenmenschlichen. Diese Dinge sind analysiert, für verwirrend und störend befunden, abgetan und als "reine Chemie und Biologie" klassifiziert.
Der weitere Verlauf ist nicht SL-untypisch und eigentlich auch recht schnell erzählt. Varn lernt jemanden kennen - und letztlich lieben. Stundenlange Gespräche, zahlreiche gemeinsame Unternehmungen in SL, gemeinsames Lachen, ein Zögern ("so was ist nichts für mich") vor dem ersten Cybersex, der dann aber doch erstaunlich befriedigend verläuft und vieles mehr. Nicht untypisch dies alles, wie gesagt.
Auswirkungen auf das Leben in der realen Welt (RL) haben die häufigen Aufenthalte in der VR durchaus auch. Zum Teil ergeben sich etwa Dinge in Richtung einer "Wahrnehmungsvermischung" beim Einkaufen, die den Schöpfer Varns aber eher beunruhigen, als dass er es schafft, dem eine humorige Seite abzugewinnen. Die Beziehung zu Alida (so heißt seine Geliebte) zeitigen aber gar positive Aspekte. Er wird offener und freundlicher, aufgeschlossener - ist in Gedanken aber immer bei IHR.
Gleich ob im realen oder virtuellen Leben, egal welches Medium der Kommunikation hauptsächlich genutzt wird - Liebesgeschichten enden. Nicht immer, aber wohl oft. Immer traurig, oft ungut, manchmal tragisch. So auch hier.
Mehr Details müssen nicht verraten werden, denke ich.
Ist dies ein Buch, das zeigt, dass die virtuelle Realität psychisch "angeknackste" Menschen endgültig in reale Tragödien treibt? Beginnt die konkrete Tragödie hier tatsächlich "im Kopf", in der Vorstellung, bei den Bildern? Ein klares Nein!
Second Life ist ein Werkzeug, ein Instrument, ein Medium. Ein fantastisches, fantasievolles, eines voller Potentiale. Eine verarmte, vereinsamte Seele, ein Geist mit zu vielen Urteilen und Vorurteilen kann auch dieses Instrument missbrauchen. Er wird in (auch) in dieser Welt auf Menschen treffen, auf reale Menschen, mit deren Worten, Gefühlen und mit deren Verhalten er umzugehen hat. Zum Nutzen oder zum Schaden - oder mittels einer überbordenden, zerstörenden Tragik.

Dem Autor ist hier kein leichtes Unterfangen gelungen und geglückt. Zum einen schildert er eindrucksvoll einen menschlichen Ablauf, eine emotionale Geschichte, die durchaus auch vermittels eines anderen Mediums (Textchat, Telefonchat, abgewandelt auch in Briefwechseln oder gar der "normalen Realität") hätte stattfinden könnte. Zum anderen ist die VR, ist Second Life keineswegs nur marginales Beiwerk, sondern man erhält einen durchaus profunden und gleichermaßen emotionalen, aber korrekten Einblick in diese durch seine Nutzerinnen und Nutzer erschaffene Welt! (Obschon manches Mal ein wenig getrübt durch die etwas misanthropische Brille des Akteurs.)
Dies ist ihm hoch anzurechnen.

http://www.vkoenighome.de/Varn.html
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