Freitag, 12. Oktober 2012

Was ist Literatur?

von Zauselina Rieko

Ausschnitt aus dem

Damen Conversations Lexikon. Herausgegeben im Verein mit Gelehrten und Schriftstellerinnen von C. Herlosssohn, Band 6, Adorf Verlags-Bureau, 1836.

Es versteht sich von selbst, daß die Literatur je nach den Wissenschaften, welche sie behandelt und nach den Tendenzen, welche sie in's Auge faßt, abgetheilt wird. Man kann demnach auch eine weibliche Literatur annehmen, nicht die Literatur, insofern gewisse Fächer derselben von Frauen kultivirt worden sind, sondern in Beziehung auf das weibliche Geschlecht. Sie umfaßt diejenigen Werke, welche zur Belehrung, Bildung, Unterhaltung der Frauen insbesondere verfaßt worden sind; denn wie das Weib im Leben seine divergirende Stellung hat, so auch mehr oder minder der Inbegriff der geistigen Thätigkeit in Bezug auf diese Stellung, in der Literatur. Es gibt demnach medicinische, diätetische, kosmetische, pädagogische, psychologische, anthropologische, poetische und andere Branchen der Literatur, welche ausschließlich auf die Verhältnisse, die Intelligenz, Bildungsfähigkeit und den Beruf der Frauen berechnet sind. Natürlich ist, daß der größte Theil der poetischen, der belletristischen Literatur Eigenthum der Frauen, daß ihr Geschmack ihr Forum ist. Wenn den Mann das ernste Studium gefangen nimmt, so ergeht sich der leicht regsame, flüchtige, mehr zur ideellen Welt hingeneigte Geist der phantasiebegabten Frauen eben vorzugsweise im Bereiche der Phantasie; sie pflanzt und pflegt diese Wunderblumen der Poesie entweder mit eigener Hand oder labt sich, mit sinnigem Gemüthe das Schöne erfassend, an ihrem Duft und Glanze. Daher insbesondere der Drang geist- und gefühlvoller Frauen, in dieser Art Erzeugnisse ihr Talent zu üben und fern von der wissenschaftlichen Speculation aus dem vorhandenen Leben, aus der Gefühls- und Gemüthswelt reizende Gebilde zu schaffen. Die große Anzahl von Dichterinnen, namentlich bei der deutschen Nation, als einer mehr gemüthreichen, als industrieellen, darf dem gemäß, da sie in der Natur der Verhältnisse begründet ist, nicht in Erstaunen setzen


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