Dienstag, 20. September 2011

Datapanic

von Thorsten Küper & Kirsten Riehl

2008 importierten sie den Steampunk als Kunstform nach Holland, 2009 erfanden sie sogar den Atompunk. 2010 erforschten sie die technologische Singularität. In diesem Jahr sind die Macher des Gogbot endgültig in „Datapanic“ geraten.
So jedenfalls haben sie die mittlerweile achte Edition ihres Kunst- und Musikfestivals im niederländischen Enschede betitelt. "Datapanic" umreißt dabei ziemlich genau das diesjährige Kernthema. Die Informationswelle, die uns alle erfasst, überspült und mitreißt, kurz gesagt: Alle Konsequenzen der globalen Vernetzung. Und vernetzt haben sich auch die Veranstalter, diesmal ganz besonders mit Japan. Denn sie installierten kurzerhand Präsentationen und Performances vom Japan Media Art Festival im beschaulichen Enschede.  Da wird die Kirche in der Stadtmitte zum Zentrum eines Multimedia Art Festivals. Das Gogbot ist wieder einmal am Puls der Zeit und fokussiert Themen wie "Anonymität", "Urheberrecht", "Datenschutz", "Paranoia", "Cyberattacken", "digitale Folklore", "Singularität" auf ein Kunsthappening in und um die Enscheder Altstadt.
Fünfzehn Projektoren verwandeln die Decke der altehrwürdigen Grote Kerk in ein digitales Fresko auf dem sich Flash-Animationen von Peter Luining mit Web-Art von Rafael Rozendaal abwechseln. Kurz gesagt: In den Niederlanden zeigen sie Mangas in der Kirche.
Dort steht auch Stanzas „Capacities“, eine Modellstadt aus elektronischen Bauteilen, die mit der Umgebung interagiert. Lüfter, Motoren, LEDs werden durch Temperaturschwankungen, Luftfeuchtigkeit, Lautstärke und Änderung der Lichtverhältnisse beeinflusst, während ein Beamer fluktuierende Straßenkarten zwischen ihnen zeichnet. „Capacities“ ist eine Stadt in der wirklichen Stadt, eine virtuelle Metropole, die mit der realen Metropole um sie herum reagiert. Oder etwas flapsiger: Eine Modellbahn für Virtual Reality Fans.
Marnix de Nijs nähert sich dem Thema "Datapanic" mit dem PHYSIOGNOMIC SCRUTINIZER, der den Besuchern eine falsche Identität zuordnet. Dazu stellt man sich vor eine Kamera. Die scannt Gesichtszüge und vergleicht sie mit Gesichtern, die eine biometrische Software passenden Personen zuordnet. Dann passiert man ein Tor, wie man es etwa an Flughäfen findet. Eine Stimme vom Band erklärt, wer die Person ist und was sie verbrochen hat. Damit werden alle Umstehenden auch darüber informiert. Der niederländische Künstler kritisiert damit die als „Nacktscanner“ bekannt gewordenen Untersuchungsgeräte.
(Die beiden Autoren des Artikels wurden übrigens als Pornodarsteller und als Serienmörder identifiziert…)
Auf eher amüsante Weise greift die „Twitterparade“ (http://archives.aid-dcc.com/isparade/) das Thema Identität auf. An einem Bildschirm kann man sich mit seinem Twitteraccount einloggen. Die eigenen Follower werden als laufende Männchen mit dem Twitterbildchen dargestellt. So wird der Twitterer zur Hauptfigur einer Parade ihm zu Ehren. Ein Kunstwerk, das Spaß macht – zumindest wenn man einen Twitteraccount besitzt.
Weitaus weniger amüsant ist das Nagasaki-Archiv. In Kombination mit Google Earth liefert es Informationen zu den Orten, die von der Atombombe betroffen sind. Klickt man die Orte an, erscheinen – visualisiert als Portrait – die überlebenden und verstorbenen Opfer. Damit wird einmal nicht die negative Seite der globalen Vernetzung kritisiert. Vielmehr macht man sie sich zunutze. Die Opfer sind keine anonyme Zahl in einem Archiv. Sie sind nicht einfach „soundsoviele Tote und Verletzte“. Die Opfer bekommen Namen, haben ein Gesicht, hatten mal ein Leben vor der Atombombe.
Ebenfalls im Programm: „Versions“. Oliver Larics visuelles Essay über Urheberrecht, Piraterie und Manipulation. Larcis These: Eine verfremdete Kopie ist nicht weniger wert als das Original. Diesem Prinzip folgend zeigt er selbst immer wieder anderen Versionen seines Films. Mittlerweile existiert auf Youtube eine weitere Variante von „Versions“ -  und sie stammt nicht von Larics. Mindestens ein Filmemacher hat Larcis Philosophie also konsequent umgesetzt.Greifbarer sind die Lichtinstallationen von Paul Klotz. Bei Push-Me ist der Name Programm. Der Betrachter wird eingeladen, mit Kunst zu interagieren. Das Drücken von Knöpfen wird mit wechselnden Farben der LEDs belohnt. Wer will,  kann hier mit Riesenpixeln eigene Bilder erschaffen. Paul Klotz bonbonbunte Taster erinnern ein bisschen an die Verlockungen der vernetzten Welt. Wir können es einfach nicht lassen, Knöpfe zu drücken. Dabei erzeugen wir Daten, werden sogar von ihnen durchdrungen durch die allgegenwärtigen Wifi-Wellen der Informationselektronik, mit denen wir umgeben sind. Die macht Bengt Sjölén mit seiner Panoramic Wifi-Camera sichtbar. Das Gerät funktioniert ähnlich wie eine optische Kamera, registriert aber, statt des sichtbaren Lichts, Radiowellen. Sogar der Schatten, den eine von Wifi-Wellen bestrahlte Person wirft, kann damit sichtbar gemacht werden.  Die Antennen bestehen übrigens aus Wasabi-Nussdosen.
Weil Daten immer auch eine interaktive Komponente haben, steht auf dem Marktplatz ein mehr als mannshoher Roboter, zusammengesetzt aus Elektronikschrott. Den müssen aber die Besucher zusammenfügen. Ausgediente Telefone, Kabel und Schnüre, Schrauben und Schläuche - die freiwilligen Mitbastler bestimmen das Aussehen des Roboters. Erinnert an den Burning Man, der alljährlich in Nevada, USA, in der Wüste erbaut und nach acht Tagen im Rahmen einer großen Party verbrannt wird.
Basteln auf höherem Niveau kann man übrigens auch in einem von vielen Workshops. Vom Filmemachen, bis zur Produktion eigener Media Art Installationen, kann man sich vieles beibringen lassen. 
Noch mehr Roboter auf dem Marktplatz zeigt ein französischer Künstler. „Bots Conspiracy“, eine  Drei-Mann-Kapelle … nein …. eine Drei-Roboter-Punkrock-Band mit „Schlagzeuger“, „Sänger“ und „Gitarrist“ erzeugt elektronische Klänge. Völlig autonom produzieren sie Musik, die einzig durch Daten bestimmt wird. Damit kritisiert der Künstler die Mainstream-Musik im elektronischen Sektor, die täglich zum Teil recht fantasielos und einheitlich, auf unsere Ohren einströmt.
Natürlich ist das Gogbot auch ein echtes Musikfestival. In diesem Jahr mit japanischen Szenegrößen wie Maruosa oder Ryoji Ikeda . Aber auch DJs aus Großbritannien , den Niederlanden, Dänemark und Deutschland.
Der dominierende Sound ist Dubstep, und der brachte auch am Samstagnachmittag die Stadt zum Beben. Von den Enschedern übrigens sehr gelassen zur Kenntnis genommen, selbst wenn der Kaffee in der Tasse bedrohliche Wellen warf.
Am Dubstep wird es aber nicht gelegen haben, dass die Ausstellung auf dem Oude Markt um die Grote Kerk herum dieses Jahr einen trostlosen Anblick bot. Wo sich sonst Hunderte von Besuchern an schrägen Ausstellungsstücken, Installationen oder Live Performances vorbei schoben,  parkten in diesem Jahr  ein depressiver Riesenroboter und ein vereinsamter mechanischer Skorpion.
Mag sein, dass  die Dominanz von Monitoren und Beamer-Projektionen in der Natur von Media Art liegt. Es wäre bedauerlich, wenn die geschrumpfte Ausstellung draußen Symptom eines Rückbaus wäre, denn das Festival ist immer noch ein Geheimtipp und hierzulande kaum bekannt.  Immerhin haben Planetart, die Macher des Gogbot, gerade erst den landesweiten Innovationspreis gewonnen. Was die Enscheder da jedes Jahr zeigen, hat noch  Potential  und wird auch in den nächsten, hoffentlich immer wieder, große Namen anlocken, sowie 2009 noch Bruce Sterling höchstpersönlich. Der versäumte übrigens auch in diesem Jahr nicht  per Twitter auf das niederländische Kunstfestival hinzuweisen. Scheint ihm damals gefallen  zu haben.
Uns auch.
2012 werden wir wieder dabei sein.
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