Freitag, 31. Juli 2009

Worte, Wörter und Vokabeln (Teil II)

von Zauselina Rieko


Wortpatenschaft
Was hat Billy mit Einrichtungskompetenz zu tun? (Ihr erinnert euch? Billy, die Bücherbude? IKEA-Regal?) Nun, steht man nicht auf Billy, mag man denken: Nichts. Steht man auf Billy, mag man eher meinen: Ja wenn einer einrichtungskompetent ist, dann der Typ von IKEA. Nö, ganz falsch. IKEA hat nämlich eine Patenschaft übernommen. Ja wie jetzt? Etwa für Billy, das arme Waisenkind aus Indien? Nein, für das Wort „Einrichtungskompetenz“. Der Verein deutsche Sprache VdS hat u.a. in Zusammenarbeit mit der Universität Ilmenau Überlegungen angestellt, wie man die deutsche Sprache schützen kann. Nach dem Motto: Jeder Pate beschirmt sein Wort, alle Paten die ganze Sprache, soll es jedem Menschen ermöglicht werden, sich ein Lieblingswort auszusuchen und dafür Pate / Patin zu werden. So ist IKEA also zur Einrichtungskompetenz gekommen. 15 € kostet der Spaß, sich mit seinem Wort und seinem Namen auf der Seite der VdS registrieren zu lassen. Dafür darf man sich in dem Bewusstsein sonnen, ein Wortbeschützer zu sein. Übrigens: Patenschaften lassen sich auch verschenken. Die Brennenden Buchstaben meinen: Gute Idee; vor allem für Leute, die schon alles haben. So ein Wort nimmt auch nicht viel Platz weg im Schrank, in der Kommode oder im Billy.
Ach ja – neue Wörter vorschlagen geht auch. Wenn du dein Lieblingswort nicht findest, einfach auf der Seite des VdS einsenden. Da gibt´s immer noch so lauschige Wörtchen wie Weltenachse oder Lustbarkeit. Mein garstig war leider schon vergeben. Vielleicht nehme ich ja ausflippen. War mal ein unheimlich angesagtes Wort in der 70ern. Entlockt heutigen Jugendlichen Lacher.
http://www.wortpatenschaft.de/


Wörter, die die Welt nicht braucht

Die Brennenden Buchstaben meinen: So was gibt´s, so was sollte es nicht geben. Es sind Wörter in Umlauf, die für diese Welt verzichtbar wären. Das soll jetzt und hier für die deutsche Sprache gelten. Denn in einer anderen Sprache kann dasselbe Wort durchaus Sinn machen. Ich fange mal mit meinen drei persönlichen Favoriten an:

1) Der Backshop
Was bitte schön ist ein Backshop? Und wie spreche ich ihn aus? [bäckschopp] oder doch [backschopp] ? Bleibe ich konsequent bei der englischen Version, hieße es [bäckschopp]. Dann wäre es Folgendes: Also shop für Laden ist klar. back heißt „Hinterseite“, „Rückseite“, „Kehrseite“. Dann kommt dabei ein Hinterseitenladen, ein Rückseitenladen, ein Kehrseitenladen heraus. Was verkauft man da? Kehricht? Kehrbesen? Nützliches für den Hintern? Vielleicht Hämorridensalbe? Oder hat man gar an die back alley, die finstere Seitengasse gedacht, also handelt es sich um einen finsteren Seitenladen oder einen finsteren Hinterhofladen, vielleicht für illegale Ware wie Waffen oder Drogen? Halten die sich immer eine Hintertüre auf, weil die Ware so schlecht ist und sie fürchten, jeden Augenblick könne die in Horden zusammengerottete, mit Mistgabeln und Fackeln bewaffnete Kundschaft einfallen und ihr Geld zurückverlangen?
Oder ist eher das Verb to back gemeint? To back für "zurücksetzen" oder "finanziell unterstützen" oder "befürworten". Bekomme ich gar finanzielle Unterstützung in einem solchen Laden? Na da werde ich dann öfters einkaufen! Oder befürworten die Verkäuferinnen meine Wahl der Brotsorte? Oder fühlen sie sich zurückgesetzt, wenn ich zu wenig kaufe?

2) Der Bodybag
Die Briten verstehen darunter einen Leichensack. Die Deutschen haben daraus eine Bezeichnung für eine Tasche gemacht, die nah am Körper getragen wird, aber im Gegensatz zum Rucksack nur einen Trageriemen besitzt. Besonders lustig wird´s dann, wenn Bodybags mit Extra-Handytasche angepriesen werden. Da kann ich dann auf dem Friedhof über den Tod hinaus mit meinem Liebsten in Kontakt bleiben. Eigentlich klasse, oder ?


3) Kids
Das Englische bezeichnet damit eine kleine Ziege, ein Kind, eine Göre, eine(n) Jugendliche(n). So weit, so gut. Hat seine Berechtigung. Im Englischen! Aber im Deutschen? Wer benutzt dieses Wort? Kinder? Jugendliche? Nein. Uncool! Das benutzen Leute, die nicht nur Gruftie, also schon mindestens 30 Jahre alt sind, sondern zudem auch noch durch eine pseudo-jugendliche Sprache die Anbiederung an die Generation 20 minus sucht. Wirkt ziemlich albern. Wie gesagt: Das trifft auf den deutschen Sprachgebrauch zu. Also die Welt braucht das „deutsche“ Kid nicht. Ihr, die ihr meint jung geblieben zu sein, im Herzen vielleicht, oder im Hirn, oder im großen Zeh, nehmt zur Kenntnis: Ihr seid nicht jung. Ihr seid oller als ihr es euch vorstellt. Und: Jeder – mit Ausnahme von euch selbst – weiß das. Warum weiß das jeder? Weil ihr das uncoole Wort „Kid“ benutzt.

So damit wäre ich am Ende meiner Favoritenliste. Wer diese Liste der Wörter, die die Welt nicht braucht, erweitern möchte, schicke bitte seinen Vorschlag (oder Vorschläge) mit kurzer Begründung an die BB. Preise? Ja … wenn ich in den nächsten Wochen sechs Richtige im Lotto habe, spendiere ich eine Reise nach Jerusalem. Wenn nicht, dann gibt´s Folgendes:
I. Preis: Ruhm und Ehre für die Rettung der deutschen Sprache und ihrer Bewahrung vor Wörtern, die die Welt nicht braucht.
II. Preis: Das gute Gefühl, die deutsche Sprache vor Wörtern, die die Welt nicht braucht, gerettet zu haben.
III. Preis: Ewiges Gedenken im Volksgedächtnis für die Errichtung einer geistigen Zone um die deutsche Sprache herum zum Schutz vor Wörtern, die die Welt nicht braucht.
Einsendungen hier: brennendebuchstaben@yahoo.de oder einfach die Kommentarfunktion nutzen; dann aber nicht Absender und Kontaktmöglichkeit (z. B. E-Mail) vergessen! Einsendeschluss ist der 30. August 2009. Einsendung mehrer Vorschläge wird akzeptiert. Die Wörter, die am häufigsten genannt werden, siegen. Bitte Namen (auch Nickname möglich) nennen, damit dich Ruhm und Ehre wegen der Errettung der deutschen Sprache … bla bla bla … auch erreichen!

Mittwoch, 29. Juli 2009

Wörter, Worte und Vokabeln (Teil I)

von Zauselina Rieko


Unwort des Jahres
Ist sie nicht schön, diese deutsche Sprache? Kennt sogar zwei (in Zahlen: 2) Plurale für eine Vokabel. Das „Wort“ gibt´s im Mehrfachpack sowohl als „Worte“, als auch als „Wörter“. So wichtig ist den Deutschen ihre Sprache. Und das „Wort“ kennt sogar das Gegenteil, nämlich das „Unwort“. Jedes Jahr seit 1991 kürt eine aus Sprachwissenschaftlern bestehende Jury das „Unwort des Jahres“. Dabei ist jede und jeder aufgerufen, zu sammeln. Besonders negativ herausragende Wörter des öffentlichen Sprachgebrauchs aus allen Teilen der Gesellschaft sollen erwischt werden. Ganzjährig kann man seinen Vorschlag unkompliziert per Mail einreichen.
Die Brennenden Buchstaben meinen: Eine kluge Aktion. Sie weist auf Unarten des menschlichen Miteinanders hin. Verunglimpfung und Herabwürdigung, Verschleierung von Verabscheuungswürdigem auf hohem sprachlichen Niveau werden enttarnt und mit beigefügter Begründung der Wahl als das identifiziert, was sie eigentlich sind. 2008 wurden die „Not leidenden Banken“ zu Siegern auserkoren.
Hier kann man sich angucken, welche Wörter (nicht Worte) es seitdem aufs Siegertreppchen geschafft haben: http://www.unwortdesjahres.org/ Dort findet sich auch die Mail-Adresse zur Einreichung von Vorschlägen zum Unwort 2009.

Wort des Jahres
Das „Wort des Jahres“ ist älter als sein oppositioneller Kollege. Bereits seit 1972 wählt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) Begriffe, die die öffentliche Diskussion besonders bestimmt haben. Damit ist nicht die Häufigkeit der Verwendung gemeint. Es soll nur heraus gestellt werden, dass dieses Wort in diesem Jahr den Ton angegeben hat. 2008 bestimmte demnach die „Finanzkrise“ das Denken und Fühlen der Menschen. (Wertende Anmerkung der Redaktion: 2007 war „Second Life“ in der näheren Auswahl, musste aber hinter der „Klimakatastrophe“ zurück stecken.) Auch die GfdS nimmt Vorschläge für das nächstjährige Wort an. http://www.gfds.de/index.php

Rote Liste
Die Rote Liste benennt. Nicht mit Hinterlist, sondern mit Auflistung. Nämlich was bedroht ist. Bedroht vom Untergang. Tiere etwa. Wie den Sibirischen Tiger, der durch starke Bejagung seiner felligen Streifen wegen die Schultern übersättigter Damen oder die Wände männlichkeitswahnsinniger Jäger ziert. Oder Pflanzen. Wie Nymphea alba, besser bekannt als weiße Seerose. Sogar eine Rote Liste bedrohter Biotope gibt es. Ein Biotop ist gewissermaßen auch ein lebendiger Körper. Es ist zumindest Lebensraum, natürlichen Veränderungen unterworfen, abhängig vom Klima und bedroht durch menschliche Eingriffe in die Landschaft. In diesem Sinne kann ein Biotop sterben.
Auch Sprache ist lebendig. Sie entwickelt sich von Generation zu Generation weiter. Sie durchläuft Wandlungen und Umformungen. Neue Wörter entstehen, alte verschwinden. Sie muss sich mit Einwanderungen auseinandersetzen. Aus der französischen Sprache sind transportable Verben vermehrt eingewandert, heute noch gut zu erkennen an ihren „-ieren“-Endungen wie etwa transportieren, telefonieren, telegrafieren (ja mit e-mailieren funktioniert das jetzt nicht…).
Aus dem Italienischen sind neuerdings koffeinhaltige Wörter zu uns gekommen wie der Capuccino, der Latte Macchiato, der Espresso oder der Café au Lait – ach nein, den haben wir wieder von der Franzosen. Eine Rote Liste der bedrohten Wörter gibt es auch. Hehres Ziel: Bewahrung alter deutscher Begriffe vor dem Absinken ins kollektive Vergessen.


Bodo Mrozek, Lexikon der bedrohten Wörter, Band I und II, Rohwolt, 380 Seiten, ISBN-10: 3499624478, 10 €.



Bodo Mrozek hat mittlerweile schon zwei Bücher geschrieben. Jetzt sind sie in einem Band zu haben. Wer weiß heute schon noch was „Bandsalat“ ist oder eine „Wählscheibe“? Das erste enthält keine Spuren von Erdnüssen, macht nicht dick, ist aber dennoch zum Verzehr nicht geeignet. Das zweite wird weder von den großen, noch den kleinen Parteien besonders genutzt. Genau genommen wird es gar nicht mehr genutzt. Denn es hat weder eine Taste zum Speichern, noch eine Funktion für Rückruf. Unbrauchbar! Also kann auch das Wort verschwinden? „Garstig, garstig!“, mag man da rufen.

Emigration
Angesichts der Anglizismen-Furcht nimmt sich das Buch „Ausgewanderte Wörter“ mit seiner 6000-Wörter-Liste sehr positiv aus. So viele Begriffe sind nämlich aus aller Welt zusammen getragen worden, die mal aus Deutschland emigriert sind.




Jutta Limbach (HG.). Ausgewanderte Wörter: Eine Auswahl der interessantesten Beiträge zur internationalen Ausschreibung "Ausgewanderte Wörter", Hueber, 160 Seiten, ISBN-10: 3191078916, 19,95 €.




Das bekannte Lieblingsgemüse des Amerikaners, das sauerkraut, oder ihr kindergarten dürften den meisten bekannt sein. Aber wer kennt schon die tschechische Zimmergenossin, die zimmerka? Die kennen nicht mal die Deutschen. Da waren die Tschechen sehr kreativ. –ka ist die weibliche Endung tschechischer Wörter, wie das deutsche –in. zimmer ist den Tschechen aus der Zeitung geläufig,über die sich vor allem junge Leute auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum mit Gleichaltrigen zusammen tun, aber nicht zwecks Partnerschaft oder Ehe. Ein Zimmer zu mieten ist eben nicht dasselbe wie eine Wohnung beziehen (das täte man mit Partner / Partnerin) oder ein Zuhause suchen (das käme zwecks Familiengründung in Frage). Es ist eine vorübergehende Bleibe. Das Zuhause ist zwischen dem Ende der Pubertät und dem Beginn des Erwachsenenlebens noch bei den Eltern. Dafür hat das Tschechische keinen kurzen griffigen Ausdruck. Also wurde das zimmer adoptiert. Und wer bewohnt ein Zimmer? Die Zimmer-in … wollte sagen: Die zimmer-ka. Tschechische Austauschstudentinnen sind regelmäßig erstaunt, wenn ihre Frage nach einer zimmerka hierzulande auf Unverständnis stößt. Sprachwissenschaftlich ausgedrückt ist die zimmerka in eine Benennungslücke geplumpst. Lesenswertes Buch!


Fortsetzung folgt morgen

Matt Ruff - Ich und die anderen

von Zauselina Rieko




Die Geschichte

Die zwei Hauptfiguren des Romans sind Penny, genannt Mouse, und Andy Gage. Beide treffen aufeinander, weil sie in derselben Firma Arbeit finden. Erzählt wird die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven: Mal ist es Penny, die erzählt, mal Andy. Da es beide beschädigte Persönlichkeiten sind, kann der Leser so hin und her switchen zwischen verschiedenen Sichtweisen und das jeweils dargestellte Erlebnis aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
Penny wurde von ihrer geisteskranken Mutter schwer misshandelt und missbraucht. Als die Geschichte beginnt, ist sie eine junge Frau, die ständig in Betten irgendwelcher Männer aufwacht, ohne sich erinnern zu können, wie sie dahin gekommen ist. Auf ihren Arbeitsstellen hat sie immer wieder nach kurzer Zeit Schwierigkeiten, obwohl sie gute Arbeit leistet und auch nicht dumm ist. Aber sie sagt knallhart und offen ihre Meinung, wenn ihr etwas missfällt und sie sich bedroht fühlt, sodass sie dann jedes mal die Kündigung erhält oder von alleine geht. Die Gedächtnislücken beschreibt sie als ein „Herausfallen aus der Zeit“, als ein „In-Scherben-Zerfallen der Zeit“, als „Herausfallen einer Zeitscherbe“, aber auch als „Blackout“.
Andy wurde als Kind vom Stiefvater seelisch und physisch missbraucht und misshandelt. Der Stiefvater und auch die Mutter sind zum Beginn der Geschichte bereits tot. Der Stiefvater kam gewaltsam, wahrscheinlich durch einen Unfall ums Leben. Andy hat bereits eine Therapie gemacht, die aber nicht vollständig zu Ende geführt werden konnte, weil seine Therapeutin erkrankte.
Er empfindet sich selbst als aus mehreren Seelen bestehend. Der Körper ist von diesen Seelen getrennt, wird immer von einer Seele gesteuert. Er nennt das „einer Seele Körperzeit geben“. Die Seelen sind wie vollständige Persönlichkeiten, verschieden von den anderen, mit unterschiedlichen Charakteren und Stärken und Schwächen. Um das Chaos in seinem Inneren zu ordnen, hat er mit Hilfe der Therapie begonnen, den Seelen ein Haus zu bauen, in dem sie leben können. Dieses Haus besteht nur in seinem Kopf, Andy weiß das auch.
Penny hat einen anderen Weg gesucht, um mit ihren Erlebnissen fertig zu werden, allerdings gelingt ihr das weitaus schlechter, weil sie noch keine Therapie gemacht hat. Ihre Seelen haben auch Namen. Sie empfindet sie ebenfalls als vollständige und individuell agierende Personen. Aber sie hat nicht eine Art Ordnung für sie gefunden oder erschaffen wie Andy, was bedeutete, dass die Einzelseelen den Körper übernehmen, ohne übergeordneten Koordinator. Dadurch erklären sich die Gedächtnislücken und die Blackouts. Ihre Seelen kommunizieren miteinander, indem sie sich geschriebene Botschaften hinterlassen: Zettel an der Pinwand, Briefe, Notizen auf dem Schreibtisch. Die Seelen wissen nicht voneinander, und das macht Pennys Leben so kompliziert und für sie selbst unübersichtlich.
Penny und Andy machen sich irgendwann gemeinsam auf eine Reise quer durch die Staaten zu Andys Elternhaus, um Licht in seine Vergangenheit zu bringen.

Erzählweise

Matt Ruff erzählt mit schrägem Humor trotz der Tragik im Leben seiner Figuren. Eine Seele in Andys Kopf beschimpft die andern Seelen, sie seien bloß Einbildungen, gar nicht real, nur er – Gideon sein Name – existiere wirklich.
Die verschiedenen Seelen von Andy unterhalten sich mit den verschiedenen Seelen von Penny, aber nicht immer wissen die anderen Seelen, wer sich gerade mit wem unterhalten hatte.
Trotz des bedrückenden Themas hat Ruff kein deprimierendes Buch geschrieben. Es ist nicht schwermütig und düster. Ruff erzählt in tragikomischer Weise von einer Erkrankung, die als solche nicht mal von allen Medizinern anerkannt ist.
Die Gewalthandlungen und der Missbrauch werden nur insofern erzählt, als es zum Verständnis der Reaktionsweisen der Figuren nötig ist. Wenn Kindheitserlebnisse geschildert werden, dann durchlebt der Leser mit dem Kind das verstörende Verhalten der Erwachsenen, aber sexuelle Handlungen werden nicht ausgebreitet. Es geht nicht darum, sensationelle Verbrechen zu erzählen, sondern eine irrwitzige Fahrt in die Tiefe einer beschädigten Persönlichkeit zu unternehmen.


Diagnose

Die Diagnose lautet Dissoziative Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen selber sprechen eher von multipler Persönlichkeit, was dem Eigenempfinden als aus vielen Seelen bestehender Persönlichkeit mehr gerecht wird.
Nicht alle Psychiater und Psychologen erkennen das Krankheitsbild als solches an. Matt Ruff selber möchte nicht öffentlich diskutieren, ob die Krankheit in der Form existent ist oder nicht. Er möchte in seinem Buch lediglich durchspielen, was wäre wenn… Also was wäre wenn es die Krankheit in der Form gäbe und zwei Menschen mit der gleichen Krankheit aufeinander treffen. Wie kommen sie miteinander zurecht? Wie kommen sie mit dem eigenen Leben (oder DEN Leben) zurecht? Wie würden die Einzelpersönlichkeiten untereinander kommunizieren? Wie kommunizieren die Einzelpersönlichkeiten der einen Person mit denen der andern Person?
Andy selbst stellt Überlegungen zum Thema „Schuld“ und „Verantwortung“ an. Ist ein Multipler verantwortlich für etwas, was eine Seele getan hat, von der eine andere Seele keine Ahnung hat? Er klärt das für sich so, dass er aggressiven Persönlichkeiten nicht gestattet, den Körper zu steuern. Seine Verantwortung ist es, die Persönlichkeiten zu koordinieren und in die Räume seines Inneren zu verweisen, in denen sie keinen Schaden anrichten.

Der Begriff „Schizophrenie“ wird laienhaft mit „Persönlichkeitsspaltung“ übersetzt, was aber nicht das Wesen der Krankheit trifft und auch nicht korrekt ist. schizo (gr.) bedeutet „sich abspalten“.
Symptome sind z. B. Wahrnehmungsstörungen, Störungen des Denkens, Wahn, Halluzinationen.
Schizophrenie verläuft in Schüben, was bedeutet, dass eine akute Phase mit Verschlimmerung der Symptome abklingt aber nicht ohne Folgeschäden bleibt.
Weltweit und in allen Kulturen gleichermaßen beträgt das Vorkommen von Schizophrenie-Erkrankungen 1%. Die Ursachen sind noch nicht exakt geklärt. Genetische Zusammenhänge (Vererbung) scheinen eine Rolle zu spielen. Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen, was das Erkrankungsalter anbetrifft; das spricht für hormonelle Einflüsse.
Ein schizophrener Schub braucht keinen Trigger (Auslöser) für eine akute Phase. Den Flashbacks und Blackouts der dissoziativen Störung hingegen gehen Trigger voraus.

Der Autor

Matthew Theron Ruff
* 8. September 1965 in Queens, New York / US-amerikanischer Schriftsteller.
1987 Abschluss des Studiums an der Cornell University. Der erste Roman ist gleichzeitig seine Magisterarbeit.
Seine Mutter ist Südamerikanerin und sein Vater Amerikaner. Er sagt selber über seine Erziehung, die sei eine Art multikulturelles Experiment gewesen.
"Ich und die anderen" (Set this house in order - Originaltitel) ist Ruffs dritter Roman. 2004 erhielt er dafür den Washington State Book Awards

Hier geht´s zur Homepage des Autors: http://home.att.net/~storytellers/

Dienstag, 28. Juli 2009

Twitter, SMS, E-Mail - deutsche Sprache in Gefahr

von Zauselina Rieko



Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Also haben wir ebensolche nicht mehr. Weil ja alles schnell gehen muss. Denn wenn´s langsam und gründlich ginge, dann bräuchten wir Zeit. Aber die haben wir ja nicht. Unser Leben ist schnell. Die Sprache auch. Sie muss es sein. Sonst könnten wir nicht schnell leben. Denn Sprache gehört zum Leben dazu. Darum muss sie schnell gesprochen werden. Dazu wiederum muss sie vor allem eins sein: Kurz. Kurze Sätze, kurze Gedankenfetzen schnell dahin geworfen – das ist unsere Zeit. E-Mails sind keine Romane. Sie dienen einer kurzen Information über Wesentliches; einer Terminabsprache, Werbung, „hab das buch nicht mehr gekriegt gibt´s aber noch bei Amazon. kuck mal hier www.gibtsnochbuch.de“.

Telegramme waren auch kurz. Eher aus Kostengründen. Da musste noch jede Silbe bezahlt werden. Da ging man sparsam um mit Wörtern und Silben. Man war sich des Wortwertes bewusst. Und wenn nicht, dann spätestens beim Anblick der Rechnung. Da fasste man sich doch lieber gleich kurz. Heute müssen Wörter nicht mehr unbedingt immer mit Geld bezahlt werden. Nun ja, beim Mobiltelefonieren vielleicht. Und dieses Wort ist natürlich auch viel zu lang. Kostet viel zu viel Zeit, es auszusprechen. Daraus machen wir dann ein neues Wort. Am besten ein englisches. Dann klingt es gebildet. Weil ist ja aus was Englischem gebildet. „Handy“. Wenngleich die Engländer gar nichts davon wussten, dass wir uns eines ihrer Worte entliehen, da es ebenjenes in der schönen englischen Sprache gar nicht gab – zumindest nicht als Entsprechung für den Umstand, für den wir Deutschen es in unsere Sprache transportiert haben. Der Brite und die Britin sagen nämlich „mobile“. „Handy“ ist ein praktischer Begriff, aber dem Briten nicht angenehm für das transportable und kabelunabhängige Telefon. Und ein Verb lässt sich daraus auch nicht bilden. Eigentlich doch sehr unpraktisch, dieses „Handy“. Wir können nicht „handylieren“, wir müssen immer noch „anrufen“, obwohl wir keinen „Anrufer“ betätigen, der sind wir höchstens selber. Bei der Mobiltelefonie geht es um Zeit. Zeit ist Geld. Wörter kosten Zeit. Wörter sind teuer. Also spart man sie sich. Kurz fassen! Rasch das Nötigste mitteilen. Auflegen.

Bei Twitter geht es weniger um Geld. Mehr um kostbare Zeit. Die benötigt man bekanntlich zum Lesen. Twitter erlaubt nur 140 Zeichen pro gesendete Einheit. Von denen allerdings kann man so viele senden wie man mag. Ob sie dann gelesen würden ist eine andere Frage. Ist wohl eher unpraktisch, einen romanartigen Text zergliedert in tausend Parzellen á 140 Zeichen zu lesen, vor allem wenn er noch durchsetzt ist mit den 140-Zeichen-Parzellen anderer Twitterer. Da komprimiert man lieber gleich die wesentlichen Informationen auf eine Twitter-Einheit, einen so genannten Tweet. (Tweet ist natürlich viel kürzer als „Twitter-Einheit“ oder „gesendete Parzelle“ und deswegen eindeutig zu bevorzugen.)

Wozu führt uns dies alles nun – oder – um es mit den Worten der Altvorderen auszudrücken – was wollen uns diese Worte lehren? Die Verkürzung und Verknappung der Sprache führt zu Verkürzung und Verknappung ihrer Untereinheit: Des Wortes. Dabei sei aber zunächst die Frage erlaubt, ob die Sprache an sich wirklich verkürzt wird. Telegramm, E-Mail, Twitter, Handy und Co waren zu Zeiten der Verbalverschwender Goethe und Schiller noch nicht erfunden. Sie hatten noch die Zeit und den Platz auf papiernen Medien sich so lang und breit und ausschweifend und umständlich und mit denselben Worten denselben Sachverhalt mehrmals erwähnend, auch wenn es für das Verständnis überflüssig war, und selbst wenn man am Ende des Satzes dessen Anfang schon wieder vergessen hatte und noch mal den ersten Teil des Satzes lesen musste um dem Aussagesinn folgen zu können, zu äußern wie es ihnen in den Sinn kam. Die Masse an Sprache war indes trotzdem eine viel geringere. Bedenkt man die Langsamkeit des Buchdrucks und der Buchverbreitung aus der Druckerei in die Läden und Büchereien zum Leser, schneiden Twitter und Co doch besser ab. (Der Fairness halber muss man vielleicht besser sagen: Schneller.) Es wird also mehr Sprachmasse erzeugt. Könnte man Wörter wiegen, ergäbe sich sicher ein erklecklicher Betrag von einigen Tonnen, der tagtäglich im Internet durch den Orbit zu den Jusern (Pardon: Usern), geschickt wird. So viel Sprachmasse konnten Goethe und Konsorten gar nicht erzeugen. Das ist nur möglich, weil heutzutage jeder sein eigener Goethe ist. Mit seinem Blog zum Beispiel. Oder in der Kurzversion auf Twitter. Da dient Twitter aber eher der Information „ich hab was gebloggt über was interessantes kuckst du hier www.Meinblogaufdemichproduzierewieeinstgoetheimfaust.de Twitter-Einheiten werden da gebraucht wie Trittbretter zu anderen, weil interessanteren Aussichtsplattformen. Da bleibt man dann stehen, verweilt, liest, liest die Information oder den längeren Text, der wirklich lesenswert scheint, so lesenswert, dass man gewillt ist, seine Zeit dafür hinzugeben, zu „opfern“.

Also doch keine Wortverkürzung und –verknappung? Knappe Worte, nur um auf ausladendere Texte in anderen Medien, andern Internet-Plattformen hinzuweisen? Oder werden wir überschwemmt von Neologismen? Verarmt unsere Sprache? Verkommt unsere Jugend? Sprachbewahrer fürchten ein Absinken in den Anglizismen-Sumpf. Englische Wörter sind meist kürzer als ihre deutschen Entsprechungen, deshalb so beliebt für eine schnelle Wortneufindung. Das müssen wir verhindern! Zumindest, wenn man den Don Quijotes der Sprachbewahrinstitute glaubt. Dagegen muss das deutsche Volk ankämpfen. Eine Sprachverordnung wie es sie in Frankreich zur Bewahrung der französischen Sprache und ihren Schutz vor britischen und amerikanischen Einwanderern gibt muss her! Twitter ist gefährlich.

Also Neusprech bekämpfen? Ich beobachte lieber amüsiert und entzückt ob solcher Verbalkreativität meiner Mittwitterer und -twitterinnen wohin sich unsere schöne deutsche Sprache schlängelt. Schlängeln tut sie ja sowieso, ob nun durch Twitter und die englische Sprache oder wie im 18. Jahrhundert durch die italienische Sprache und die Oper oder die französische Sprache und das Postwesen oder in der Zukunft vielleicht durch eine Globalisierte Sprache („Globalsprech“?, „Globosprech“?, oder noch kürzer „Glosp“?), weil wir Twitter und SMS und E-Mail längst überholt haben und alle nur noch telepathisch kommunizieren durch den PULS, den schon Stephen King entdeckt hat, weil´s NOCH schneller geht - who knows? Ich lass mich immer gerne durch Twitter-Kurzbotschaften anregen. Da gibt´s lauter innovative und interessante Impulse für Schriftsteller(innen), Verbalakrobaten, Vokabelverbieger, Verseschmiede, Wortbauarbeiter, Textstricker, Buchstabenverquirler,.... ach ich vergesse mich - man entschuldige. Bin halt twitterinfiziert.
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Zur Erinnerung:
„Neusprech“ ist ein Begriff aus Eric Arthur Blairs Roman „1984“, besser bekannt unter seinem Schriftstellernamen George Orwell. Der 1948 verfasste düstere und hoffnungslose Zukunftsroman kam durch einen Zahlendreher zu seinem Titel. „Neusprech“ bezeichnet eine vom Ministerium für Wahrheit geformte Sprache, die es vereinfachen soll, das Denken der Staatsbürger unter Kontrolle zu halten. Dabei kommen vor allem Euphemismen („Lustlager“ für „Folterlager“), griffige Parolen („Krieg bedeutet Frieden“), Vereinfachungen („ungut“ anstatt der unregelmäßigen Steigerung „schlecht“) sowie Verkürzungen („Miniwahr“ anstatt „Ministerium für Wahrheit“) zum Tragen. Ziel ist es, dass die Staatsbürger nicht mehr differenziert Gedanken ausformulieren können, damit sie keine Gegenstrategien zum bestehenden politischen System denken, und in der Folge natürlich planen können. Kritik wird unterbunden, neue Ideen von vorneherein verhindert.

Anmerkung:
Um meine Behauptung von der Unmöglichkeit eines Romans in Twitter-Format gleich ad absurdum zu führen, sei an dieser Stelle auf den Kurzroman vom Kueperpunk hingewiesen. Der ist nämlich Verfasser eines solchen.
http://www.sublevel12.de/kueperpunk/Alsesbegann.jpg

Montag, 27. Juli 2009

Blog-Award für die BRENNENDEN BUCHSTABEN

von Zauselina Rieko



Von Ghost erhalten die BB einen Award für ihr Blog Danke an Ghost! Der Award soll Ansporn sein weiter zu bloggen, wird vergeben an Blogger, die Interessantes und Informatives veröffentlichen oder sonstwie positiv aus der Masse der Blogs heraus ragen. Es ist ein Wanderpokal, der sich aber vermehrt, also nicht wie einer, den man aus Schulzeiten kennt, der von Jahr zu Jahr an eine andere Schule oder Mannschaft wanderte. Dieser Award bleibt beim Ausgezeichneten und wird dann von dem oder der an den oder die Nächste weiter vergeben, wo er wieder verbleibt. Die BB meinen: Eine gute Idee!
Die BB geben den Award weiter an folgende Blogs:
1) Kueperpunk http://kueperpunk.blogspot.com/
(weil er die Internetgemeinde mit spannenden Kurzgeschichten versorgt und somit den BB mental sehr nahe steht)
2) Flusskiesel http://www.flusskiesel.de/blog/
(weil er sein Blog mit sehenswerten Bildern anreichert)
3) Aktion Störtebecker http://aktion-stoertebeker.blogspot.com/
(weil man da mal Einblick bekommt, wie die Höhen und Tiefen auf dem Weg zu einer Buchveröffentlichung sind)
4) Krimikiste http://www.blogs.uni-osnabrueck.de/
(weils hier spannende Neuigkeiten rund um kriminelle Literatur gibt)
5) Duftender Doppelpunkt http://literaturblog-duftender-doppelpunkt.at/
(einmal wegen des gelungen alliterativen Namens und dann für die fundierten Sachinformationen aus dem Bereich Literatur und Sprache)

An die Ausgezeichneten: Bitte Grafik kopieren, in euer Blog einfügen und den Award weiter geben.

Und wer mal einen Blick auf Ghosts Blog werfen möchte kann das hier tun: http://ghosts-alltag.blogspot.com/2009/07/kommt-ein-binchen-geflogen.html#comment-form

Der Apfelbaum - Daphne du Maurier

von Zauselina Rieko



Der Apfelbaum

Die kleine Erzählung beginnt harmlos. Ein Mann ist kurz nach dem Tod der Ehefrau erleichtert, sein eigenes Leben leben zu können, ohne von dem nervigen Genörgel seiner Frau gestört zu werden. Seine Frau war eine stets leicht deprimierte Hausfrau, die mit Ordentlichkeit und Putzfimmel das Haus sauber gehalten hat. Mit ihrem dauernd leidenden Gesichtsausdruck und vorwurfsvollen Ton in der Stimme hat sie es immer geschafft, ihrem Mann ein schlechtes Gewissen zu bereiten. So ist er nun erleichtert, als sie ihn nicht mehr stören kann in seiner Beschaulichkeit und Ruhe.

Es könnte alles perfekt sein, aber da nimmt er plötzlich im Garten einen alten Apfelbaum wahr. Der hat dort eigentlich immer schon gestanden. Er ist scheinbar fast abgestorben. Sein schwarzer Stamm und die schwarzen Äste sehen aber irgendwie bedrohlich aus.

Im Laufe der Erzählung nimmt dieser Apfelbaum immer mehr bedrohliche Züge an. Der Leser hingegen weiß die ganze Zeit nicht, ob die Bedrohung nun tatsächlich besteht oder nur im Kopf des Mannes. Alles könnte immer eine ganz natürliche Erklärung haben oder eine unheimliche Bedrohung sein.

Der Baum wird zum Spiegelbild des Gewissens. Der Mann hat Fehler begangen, und die erfährt der Leser aber nur unterschwellig; dazu muss man zwischen den Zeilen lesen. Der alte Apfelbaum mahnt an die begangenen Fehler, die nach dem Tod der Frau auch nicht mehr in Ordnung gebracht werden können. Der knorrige, vertrocknete Baum ist das Spiegelbild für die vertrocknete Liebe.

Das Grauen im Alltäglichen und das Irreale inmitten der Realität - du Maurier versteht es wie keine Andere, subtilen Horror zu erzeugen.

Kurzbiografie Daphne Du Maurier

Daphne Du Maurier (1907-1989) entstammt einer Familie von Schriftstellern und Künstlern, wuchs in London und Paris auf und begann 1928 mit Feuilletons und Kurzgeschichten ihre schriftstellerische Tätigkeit. Für ihre Verdienste als Schriftstellerin (ihre weit über 20 Romane, historischen Biographien und Novellen-Sammlungen sind in Millionenauflagen in der ganzen Welt verbreitet) verlieh die englische Königin Daphne Du Maurier 1969 den Titel »Dame«.

Sie hatte 3 Kinder mit dem General Frederick Browning.

Berühmt sind vor allem "Gasthaus Jamaica", "Rebecca“, und "Die Vögel", verfilmt von Alfred Hitchcock, sowie "Don´t look now" (dt. "Dreh Dich nicht um!"), 1973 von Nicholas Roeg mit Donald Sutherland und Julie Christie verfilmt, der in Deutschland ein Jahr später unter dem Titel "Wenn die Gondeln Trauer tragen" Premiere hatte.

Verlag Heinrich und Hahn, 105 Seiten, ISBN-10: 3865970311, 16,90 € (gebundene Ausgabe)

Samstag, 25. Juli 2009

Bücher brauchen Buden I.

von Zauselina Rieko




Billy von IKEA
Grundeinheit für 45 €




Bücher wollen nicht nur gelesen werden, sie brauchen auch eine würdige Unterkunft: Eine Bücherbude, wo sie die meiste Zeit ihres Lebens wohnen, selbst wenn es viel gelesene Bücher sind.
Unschlagbar ist da immer noch das Ikea-Utensil, das in den 70er Jahren nur in den Zimmern von Jugendlichen anzutreffenn war , die das erste Geld ihr eigen nennen konnten und in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer nichts duldeten, was nach verstaubtem Altdeutschtum á la Eichenvitrine und Zinndeko aussah: Billy, das Bücherregal. Auch gut für Nippes, Schreibzeug, Socken, Radio, Geschirr, Stofftiere, ... Ärgernis und Anlass zum Kopfschütteln für alle, die schon uralt (also über 30 Jahre) waren. Heute natürlich in den Wohnzimmern jener Ex-Jugendlichen und selber 40- bis 50-Jährigen zu finden. Billy lässt sich beliebig erweitern, kann mit Glastüren versehen werden, sodass man immer noch schnell seine Bücher übersieht, diese aber vor Staub geschützt sind. Beliebig erweiterbar um Regalbretter, Holz- oder Glastüren und Grundelemente. Nur die Variante mit Backsteinen und Brettern ist da noch billiger und stylisher, wenn auch weniger wackelsicher und deshalb in der Höhe nicht beliebig ausbaubar.



Bücherbuden der ganz anderen Art finden sich seit wenigen Jahren in manchen Städten in den ehemals gelben Post-Telefonzellen. Wo früher akustisch verbalisiert wurde, wird heute Buchstäbliches konsumiert. Die Idee: Ausgelesene Bücher raus aus den Privatregalen, wo niemand mehr was davon hat, rein in das "Regal" namens (Ex-)Telefonzelle, wo jeder sie ausleihen kann. Dabei muss man aber nicht sowas Lästiges wie Fristeneinhaltung oder Säumnisgebühren befürchten. Einzige Regel: Wer ein Buch entnimmt, stellt ein eigenes hinein, damit es keinen Bücherschwund gibt.


Unter dem Motto "Asche zu Asche, Buch zu Baum" dient diese Bauminstallation in Berlin ausgelesenen Büchern als neues Zuhause. Die gefällten Bäume wurden nicht erst zu Brettern verarbeitet, bevor sie als Regal für das Material umfunktioniert wurden, das aus ihnen gemacht ist: Papier zwischen Buchdeckeln. Auch hier gilt, dass man ein Buch entnimmt und ein anderes einstellt. So bleibt die öffentlichste Bücherei bestückt mit Ausleihware.

Wie jeder weiß, kommt das Wort Presse natürlich von Espresso. In London kann man die Ursprünge der Espresso-Herstellung beobachten, wenn die literarischste Druckerpresse der Welt wieder das tut, wozu sie ursprünglich konzipiert war: Bücher herstellen. Heutzutage zweckentfremdet für die Kaffeeproduktion tut sie in London wieder Dienst an der Lesergemeinschaft und druckt auf Nachfrage vergriffene Titel, die im Buchhandel nicht mehr zu finden sind oder Titel von lange verstorbenen Schriftstellerinnen, die sich nicht gut verkaufen, aber unter Literatur-Kennern geschätzt sind. Zugriff auf die großen Online-Archive ermöglichen sofortiges Herunterladen und anschließendes Umsetzen in Buchstaben auf Papier. Wahlweise kann man auch das eigene Buch drucken lassen, wenn man (noch) keinen Verlag gefunden hat, der einen veröffentlicht oder wenn man mit ein bis zwei Exemplaren für das Bücherregal daheim und ein Geschenk an einen Bekannten zufrieden ist.
Gerüchten zufolge soll die Technische Universität in Timbuktu eifrig an einer Maschine forschen, die nun Moderne und Klassik wieder verbindet: Einer Buch-Espresso-Druckerei, die gleichzeitig mit jedem gedruckten Buch eine Tasse Kaffee serviert. Im Moment sind letzte Schwierigkeiten bei der Wahl des Kaffees noch nicht ausgeräumt, wie uns der Leiter des Projekts Dr. Rainer Unfug mitteilte. Vor allem bei der Geschmacksrichtung Vanille sei es zu fatalen Verwechslungen gekommen. Die Buchseiten 354 bis 789 eines mehrbändigen Nachschlagewerkes schmeckten nach Vanille, die Seiten 899 bis 976 aber nach Schoko, dafür sei der mitgelieferte Kaffee allerings mit zwar interessanten, aber wenig schmackhaften Einträgen über das nepalesische Zweihornrind angereichert gewesen. Aber man arbeite an dem Fehler, versicherte Dr. Rainer Unfug. Quelle: E.N.T.E. Presseagentur

Wären als letztes noch die virtuellen Bücherregale zu erwähnen, wie man sie bei BookCrossing findet. Diese Regale stehen auf einem Server. Der erste Schritt zum Aufstellen eines solchen Regals ist die Eröffnung eines BC-Kontos unter einem beliebigen Nicknamen. Das geht hier: http://www.bookcrossing.com/join Deutschsprachige Informationen findet man hier: http://www.bookcrossing.de/ Dann nimmt die frisch gebackene BookCrosserin ihr Buch aus dem Wohnzimmerregal, registriert es unter eben jenem neuen Nicknamen bei BookCrossing, welches dann wiederum eine ID (identification number) erhält und nun jederzeit wieder auffindbar ist unter dieser Nummer. Damit steht das Buch im virtuellen Bücherregal bei BC. Dort können andere BookCrosser es auf Anfrage ausleihen oder man kann es frei lassen, was bedeutet, dass man es auf gut Glück irgendwo in der Stadt oder in der Natur (möglichst regensicher!) deponiert mit einem Hinweis an den Finder, wo und wie er das Buch bei BC rückmelden kann. Auf diese Weise lässt sich die Reise eines Buches weiter verfolgen. Die Finder können anonym bleiben. Natürlich müssen die realen Bücher weiterhin in einem realen Regal stehen. Dazu ist zum Beispiel "Billy" von IKEA geeignet, womit sich der Kreis wieder schließt und meine Betrachtungen sich dem Ende zugeneigt haben.

Donnerstag, 23. Juli 2009

copyright

Urheberrecht, geistiges Eigentum oder neudeutsch schlicht Copyright genannt - gab es das immer schon? Das eine ist genau genommen nicht einfach die Übersetzung des anderen. Copyright und Urheberrecht sind in Details verschieden und beziehen sich auf den deutschen / europäischen oder angloamerikanischen Raum. In Deutschland entstehen Urheberrechte auf ein Werk automatisch mit dessen Erschaffung, auch wenn kein Urheberrecht ausdrücklich vermerkt ist.
Die Idee eines Urheberrechts ist ein relativ neues Phänomen. Ein Blick in die Geschichte lehrt, dass ein solcher Gedanke in früheren Jahrhunderten als völlig unsinnig begriffen worden wäre. Antike Autoren mussten sich immer auf die Werke anderer Autoren beziehen, um beweisen zu könne, dass ihre Ideen und Erkenntnisse keine Erfindungen waren. Sie fügten ihren eigenen Werken ganze Passagen anderer Autoren bei, nannten diese Autoren auch namentlich.
Die ersten Christen sahen sich dem Vorwurf gegenüber, eine neue Religion erschaffen zu haben ohne auf Traditionen Bezug nehmen zu können, sprich: Ein geistiger Führer (Christus) hatte eine völlig neue Idee ohne Wurzeln ins Leben gerufen. Dies wurde als Angriff auf den römischen Staat begriffen. Das Judentum war im Römischen Reich geduldete Religion, weil es sich auf Jahrhunderte alte Traditionen berufen konnte - im Gegensatz zum neu entstandenen Christentum.
Martin Luther verwendete große Mühen darauf zu beweisen, dass seine Religion keine newe opinion, eine neuartige Überzeugung, war. Das galt als aus der Luft gegriffene Erfindung. Er musste beweisen, dass er auf Traditionen baute, die Heilige Schrift als Grundlage benutzte, keine Philosophie ohne Bezug zu anerkannten und früheren Gelehrten in die Welt gesetzt hatte.
Die Dichter des Mittelalters haben immer die Texte anderer Autoren mitverwendet und deren Erzählfäden aufgenommen, um eine Geschichte weiter zu schreiben. Niemand wäre auf die Idee gekommen, "seine" Geschichte als einzigartig und neu zu bezeichnen. Das wäre einem Prädikat "unglaubwürdig" oder "minderwertig" gleich gekommen. Man begriff sich im Unterschied zu heute viel mehr als Teil einer Art Gemeinschaft, einer Gemeinschaft von Schreibern, unabhängig davon, ob diese verstorben waren oder noch lebten. Von vielen (auch sehr bedeutsamen) Werken kennen wir die Autoren gar nicht, weil sie es für unwichtig hielten, sich namentlich zu erkennen zu geben - das Werk sollte im Vordergrund stehen, nicht der Name eines Schreibers, denn das Werk war nur ein Weiterschreiben bereits vorhandener Werke.
Mit der Weiterentwicklung der Idee von einem Individuum mit Persönlichkeitsrechten ist auch die Idee von einem Recht an immateriellen Gütern aufgekommen.
Dennoch funktioniert auch heute noch keine wissenschaftliche Forschung ohne Bezugnahme auf andere Wissenschaftler(innen).Immer sind in wissenschaftlichen Werken Verweise auf andere Forschungsergebnisse und Autoren zu finden.

Dies ist kein Plädoyer dafür, das Urheberrecht ohne neu definierten Nachfolger abzuschaffen, aber es scheint, als stünden wir nicht an der Schwelle zu einem Umdenken, sondern als sei dieses Umdenken bereits im Gange. Das Internet hat jetzt schon völlig neue Möglichkeiten eröffnet und damit alte Urheberrechtsideen aus den Angeln gehoben. Die allgemeine Akzeptanz der bisherigen Gesetze ist nicht hoch, ein Schuldbewusstsein beim Kopieren und Herunterladen geschützter Bilder, Musik oder Texte so gut wie gar nicht vorhanden. Und vor allem scheint es, als kämen die bisherigen Gesetze auch nicht wirklich den Kunst- und Literaturschaffenden selber zugute, sondern eher dahinter stehenden Geschäftsleuten, die selber kein geistiges Eigentum erschaffen, sich als Rechtewahrer der Künstler(innen) darstellen, es aber möglicherweise gar nicht sind.



Zauselina Rieko

Mittwoch, 22. Juli 2009

Rot ist mein Name - Orhan Pamuk





Kurze Übersicht:
Die Geschichte spielt im 16. Jh. in Istanbul. Ausgangspunkt ist der Mord an dem Meisterillustrator. Seine Leiche wird 1591 in einem trockenen Brunnen gefunden. Er wurde erschlagen. Im Laufe der Geschichte passiert noch ein zweiter Mord

Inhalt
Der Meisterillustrator am osmanischen Hof von Istanbul wird erschlagen aufgefunden. Der Weltenbummler Kara kehrt nach 12 Jahren in seine Heimatstadt Istanbul zurück. Er will seine Jugendliebe Seküre wieder sehen. Diese war ihm nicht zur Heirat gegeben worden. Sie hatte einen anderen Mann geheiratet, hat 2 Kinder, aber der Mann ist seit 4 Jahren nach einer Schlacht vermisst. Dessen Familie erhebt Anspruch darauf, dass Seküre bei ihr leben soll. Sie lebt aber mit ihrem alten Vater zusammen. Ihr Vater hat vom Sultan den Auftrag, zusammen mit seinen Meisterillustratoren 10 Buchblätter zu erschaffen, die im islamischen Jahr 1000 dem Dogen von Venedig als islamische Demonstration von Macht und Reichtum übergeben werden sollen. Seküres Vater wird im Laufe der Geschichte auch ermordet. Kara erhält den Auftrag, zusammen mit den anderen Illustratoren der Werkstatt den Mörder ausfindig zu machen. Nur so kann er verhindern, dass alle Illustratoren zwecks Wahrheitsfindung gefoltert werden.

Schwerpunkte
Das Hauptthema ist die Buchmalerei. Dabei wird vor allem die Spannung zwischen dem Koran-Gebot, keine Lebewesen (Menschen und niedere Tiere wie Schweine oder Hunde) figürlich abzubilden und der fränkischen Malerei mit Perspektive und Menschen- und Tierdarstellungen

Zur Malerei
Die so genannte „Fränkische Malerei“ kennt schon Perspektive. Im Gegensatz dazu wurde während des europäischen Mittelalters nur flächig gemalt. Perspektive als Mittel, um den Effekt der räumlichen Darstellung zu erzeugen, war noch nicht erfunden. Das Problem, was sich für die islamische Welt aus der perspektivischen Darstellung ergab, war, dass ein Tier oder ein niedriger Mensch genauso groß dargestellt werden konnten wie der Prophet oder ein heiliger Mensch. Die Welt sollte aber nicht möglichst realistisch dargestellt werden, sondern so wie Allah sie sieht.

Sprachliche Komposition
Pamuks Literatur ist schon allein wegen der sprachlichen Vielfalt lesenswert. Rot ist mein Name ist in 59 Kapitel eingeteilt: jedes Kapitel wird aus der Ich-Perspektive einer andern Figur erzählt.
Die Kühl-distanzierte Erzählweise von Gefühlen steht konträr zum blumenreichen Vokabular! Es fließen mystische Elemente der Sufi-Tradition ein Eine stark visuell geprägte Darstellungsweise lässt sich mit Pamuks Liebe zur Malerei erklären. Seinem Architekturstudium hat er den ästhetischen Sinn zu verdanken, der sich in seinem literarischen werk niederschlägt. Mit kriminalistischer Kombinationsgabe wird hier ein Verbrechen aufgeklärt, das aber nur in eine viel reichere Geschichte eingewebt ist. In die Geschichte fließen ständig kleinere Geschichten mit ein, die die Figuren zur Erläuterung eines Sachverhalts erzählen. Diese Nebengeschichten nehmen sich aus wie ausgedehnte Sinnsprüche. Dadurch werden die langweiligen Passagen des Buches wieder wettgemacht. Es erinnert an die orientalische Erzählkunst der Kaffeehäuser. Pamuk verliert dennoch nie den Faden; die Übersicht geht nicht verloren.
Das große Thema der Perspektive wird sprachlich abgebildet im Wechsel des Erzählens aus der Sicht verschiedener Figuren einschließlich unbelebter Gegenstände, Tiere und einer Leiche.

Historischer Kontext und zeitgenössische Überzeugungen
In „Rot ist mein Name“ werden wie nebenbei mehrere Themenstränge eröffnet, die aber im Hintergrund als Handlungen in der Handlung laufen. So bekommt der/die Leser/in einen Einblick in Überzeugungen, die die heutige westliche Gesellschaft überwunden (?) hat. Der Ursprung von diesen Überzeugungen kann so nachvollzogen werden.
- Der Sinn der Folter wird erklärt
- Man bekommt einen Einblick in das Schicksal von Kriegerwitwen
- Das Leben in den Buchmalerwerkstätten wird einem farbig vor das geistige Auge gestellt
- Die Knabenliebe ist ein oft erwähntes Phänomen. Heute hieße es „Homosexualität“ oder „Kindesmissbrauch“. Die beiden Begriffe sind nicht getrennt gedacht.
- Die Auswirkungen von religiösem Eifer bis hin zum Fanatismus werden aufgezeigt.

Zur „Knabenliebe“ sei noch angemerkt, dass in der islamischen Welt die Lebensbereiche von Frauen und Männern stärker getrennt sind als in der christlichen. Männer haben kaum Gelegenheit, mit nicht verwandten Frauen zusammen zu treffen. Für Jungen in der Pubertät bedeutet das, dass sie ihre Sexualität nur mit Jungen ausleben können. Für erwachsene Männer bedeutet das, dass sie unterdrückte Sexualität an minderjährigen Jungen ausagieren, denn Homosexualität ist ein Verbrechen. Vergleichbares ergibt sich bei missbrauchenden katholischen Geistlichen und „verfügbaren“ Jungen aus ihrem Kreis an Schutzbefohlenen.


Werbung für den Islam?
Pamuk liegt es fern, einseitig den Islam hervorzuheben. Wenngleich die Schönheit der islamischen Tradition und Kultur entfaltet werden spart er nicht mit Kritik an religiösem Übereifer. Alle drei Weltreligionen sind in der Geschichte vertreten, zusammengefasst in einzelnen Figuren.
Die Jüdin Esther thematisiert Morde an Juden. Islamischer Extremismus zeigt sich bei der Zerstörung von Kaffeehäusern, weil Kaffee als berauschendes Getränk und damit vom Koran her verboten sein soll. (Diese Diskussion gilt heute in der islamischen Welt als abgeschlossen. Kaffee ist dem gläubigen Moslem erlaubt.)

Abschließende Betrachtung
Pamuk hat sowohl einen Kriminalroman, als auch einen brisant aktuellen gesellschaftskritischen und theologischen Roman geschaffen, der zugleich höchste künstlerisch-ästhetische Ansprüche erfüllt. Einer simplen Zuordnung widersetzt sich das Buch – das macht es so spannend. Die gut 600 Seiten lassen sich nicht an zwei oder drei Nachmittagen konsumieren. Der Roman hat durchaus auch Längen. Wenn die Schönheit zum x-ten Male gepriesen wird, möchte man aufseufzen: „Ja, ich habe es schon auf Seite zweihundertsoundso begriffen.“ Trotzdem kann man diese Längen gut aushalten, denn die kleinen, in den Text eingewobenen Nebengeschichten und Nebenerzählungen halten den Lesefluss aufrecht. Die weniger interessanten Textpassagen sind auf halbe Seiten begrenzt. Das Durchhalten lohnt sich!

Hanser Verlag, ISBN 10 3446200576, 536 Seiten, 27,61 € (gebunden)
Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-50984-3, 560 Seiten, 9,95 € (Pappeinband)
Süddeutsche Zeiutng, ISBN 9783866155022, 592 Seiten, 5,90 € (gebunden)

Zauselina Rieko

Dienstag, 21. Juli 2009

Männer

Es gibt viele Vorurteile gegen Männer. Die BRENNENDEN BUCHSTABEN beteiligen sich daran. Die folgenden Episoden - mitten aus dem Leben gegriffen - beweisen, dass die meisten Vorurteile wahr sein müssen.

Episode I
Auf einer Bergstraße. Zwei Autos begegnen sich. In dem einen sitzt eine Frau, in dem anderen ein Mann. Auf gleicher Höhe angekommen, lehnt sich die Frau aus dem Fenster und brüllt:
"Schwein!"
Der Mann brüllt zurück:
"Schlampe!"
Als er fünfzig Meter weiter gefahren ist, steht mitten auf der Fahrbahn ein Schwein. Er kann nicht ausweichen und rast in den Abgrund.
Fazit:
Mitunter kann männliches Nicht-Zuhören-Können tödlich sein.

Episode II
Ein Ehepaar sitzt am Frühstückstisch hinter den Zeitungen. Sie liest ihm vor:
"Die Polizei sucht einen dunkelhaarigen Mann um die Vierzig, der Frauen belästigt."
Er: "Denkst dur wirklich, dass das der richtige Job für mich ist?"
Fazit:
Ja weiß ich jetzt auch nicht.




Über die Urinstinkte im Manne schreibt Mark Twain (1835 -1910) in "Auszüge aus Adams Tagebuch". Da ist man sozusagen direkt in der Werkstatt des Mannes, also nicht in seiner Werkstatt, mit Schrauben und so, sondern in Gottes Werkstatt mit Rippen und Ton. Oder war´s Erde? Staub? Asche? Na wie auch immer. Die komplette Kurzgeschichte könnt ihr bei Projekt Gutenberg nachlesen. Hier die Stelle, wo Adam sich Gedanken über seinen zweiten Sohn macht. (Er weiß noch nicht, dass es sein Sohn ist).

Tags darauf. Ich habe das neue Geschöpf genau mit dem alten verglichen, und es ist gar kein Zweifel, daß sie vom gleichen Schlage sind. Ich äußerte den Wunsch, eines von ihnen für meine Sammlung auszustopfen. Aber sie (Eva) ist gegen das Ausstopfen im Allgemeinen eingenommen, und in diesem Falle wollte sie erst recht nichts davon wissen. So habe ich denn die Absicht wieder aufgeben müssen, obgleich ich denke, daß ich unter allen Umständen darauf hätte bestehen sollen. Man denke sich, daß sie plötzlich wieder abhanden kämen, und stelle sich den Verlust für die Wissenschaft vor, wenn nichts von ihnen zurückbliebe!

Das Ältere von beiden ist auch das weitaus Zahmere. Es kann sogar plappern und lachen, wie ein Papagei. Und da auch Papageien so viel um uns herum sind, bin ich überzeugt, daß es das alles, und die Gabe der Nachahmung überhaupt von ihnen gelernt hat. Na, wer weiß, – vielleicht kommt es zuletzt noch heraus, daß es selbst eine Art Papagei ist. Ich würde mich gar nicht darüber wundern, wenn ich bedenke, was es alles schon gewesen ist seit jenen ersten Tagen, als ich es für einen Fisch hielt. Das neue ist grade so hässlich wie das andere zuerst war; es hat gelblich-rote Fleischfarbe und auf dem Kopf nur hier und da einen ganz leisen Ansatz von Pelz. Sie hat ihm auch schon einen Namen gegeben – Abel nennt sie es.


Zauselina Rieko

Sonntag, 19. Juli 2009

Nachlese



Blogger-Abend am 19. Juli in Second Life


Kueperpunk und Flusskiesel lasen am Sonntagabend aus ihren Blogs. Diesmal fand die Lesung in einer Garage statt. Den BB ist eben nix zu skurril. Die einfliegenden Avatare machten es sich auf Blechschildern, Metalltonnen, Baumstämmen oder auch einer kuscheligen Matratze bequem.
Flusskiesel hatte sich erst 2 Tage zuvor extra wegen der Lesung in Second Life angemeldet. Politisches kam ebenso zur Sprache wie seltsame Essgewohnheiten oder Tierschutz. Letzteres nutzte Kueperpunk, um die Rache der Tiere sarkastisch auszubreiten: ein Stier, der einen Torrero auf die Hörner nimmt, ein Walfänger, der mit einer Orka-Familie Bekanntschaft macht, ein Robbenjäger, der eine Begegnung mit einem Walrossbullen hat. Humor will gepflegt sein.
Mehr Fotos gibt es auf flickr. Und wer sich dafür interessiert, was der Kueperpunk sonst noch so treibt - hier mal ein Link zu einem Kurzfilm von ihm.
http://de.sevenload.com/videos/A223kCL-Dystopia-X



Zauselina Rieko

Samstag, 18. Juli 2009

Gedicht-Wettbewerb

Hier ein kurzer Hinweis auf einen interessanten Gedicht-Wettbewerb des Literaturbüros Ruhr e.V. Unter dem absichtlich offen gehaltenen Motto "Traurige Hurras und freche Verse" können noch bis zum 11.09.2009 Gedichte eingereicht werden.Jede(r) Teilnehmer(in) darf drei - aber nicht mehr! - Gedichte einreichen. Förderer sind das Land NRW und die Kunststiftung NRW; Kooperationspartnerin ist die WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung).

Wenngleich kein Preis damit verbunden ist, winkt immerhin die Veröffentlichung in einer Anthologie, die 2010 heraus kommen soll, so wie in der WAZ.

Hier müssen die Gedichte hingeschickt werden:
Literaturbüro Ruhr e.V., Friedrich-Ebert-Str. 8, 45964 Gladbeck

Was weiter vor der Einsendung unbedingt zu beachten ist, kann man hier erfahren:
http://www.literaturbuero-ruhr.de/index.php?id=1


Außerdem veranstaltet die Literaturgruppe Bitterschlag e.V. eine witzige Aktion. "Bitterschlag will hoch hinaus" ist ein Aufruf zu Lesungen in (oder aus?) luftiger Höhe. Gelesen wird von hohen Türmen im Ruhrgebiet. Also wer schwindelfrei ist und das Riskio liebt, kann mal hier rechts in der Leseleiste nach dem Blog von Bitterschlag suchen und drauf klicken.

Zauselina Rieko

Freitag, 17. Juli 2009

Der Schal - The Scarf

von Zauselina Rieko




Buchempfehlung

Robert Bloch (1917-1994) schrieb 1947 die Geschichte eines Mörders, der den ersten Mord mit einem gelben Schal begeht an einer Frau, die ihn nervt. Fortan wird dieser gelbe Schal zum unheimlichen Maskottchen und ständigen Begleiter des erfolglosen Schriftststellers Dan Morley. Am Anfang steht der Missbrauch durch eine Lehrerin. Die Frauen, denen Dan Morley begegnt, interessieren ihn nicht wirklich. Mit innerer Distanz, einem gewissen Ekel und Abgestoßensein von den Eigenarten und Schwächen jener Frauen, beginnt er sie zu studieren, gleichsam ekligen Insekten unter dem Mikroskop, die gleichzeitig abstoßend und wieder hoch interessant sind. Er macht sich Notizen in seinem schwarzen Büchlein. Er möchte wissen, wie es sich anfühlt, jemanden zu ermorden. Als er die erste Freundin erwürgt hat, weil sie ihn heiraten wollte, Anforderungen gestellt hatte, hat er die Idee, den Charakter jener Frau in seinen literarischen Figuren zu verarbeiten. Fortan hat er mit seinen Texten Erfolg, weil er plötzlich in der Lage ist, Menschen lebensecht darzustellen.
Aber er begegnet immer wieder Frauen, die ihn auf ähnliche Weise nerven, Forderungen stellen, eine tiefere Beziehung wollen. Die Gegenwart des gelben Schals erinnert ihn ständig daran, dass es aus jeder unbequemen Beziehung einen Ausweg gibt.

Der Autor von "Psycho" - Hitchcocks berühmte Verfilmung von 1960 - schafft Einblicke in die Seele eines Psychopathen, der aus Interesse am Ausprobieren und auch aus Angst vor zu großer Nähe mordet. Immer wieder taucht dabei in den Flashbacks die Lehrerin auf, die ganz am Anfang der Entwicklung steht. Während sich Morley innerlich vom emotional distanzierten und lieblosen Menschen zum psychotischen Mörder entwickelt, durchläuft er äußerlich den Aufstieg von der verkrachten Existenz des vorbestraften Kleinkrimminellen und meist arbeitslosen mittelmäßigen Schriftstellers zum gefragten Hollywood-Autor, beliebten Party-Gast und Star der Literatur-Szene. Hier schimmert das Motiv der an den Teufel verkauften Seele des Doktor Faustus durch oder das Spiegelbild des Dorian Gray, Abbild seiner Seele, das immer hässlicher wird, während der lebendige Dorian Gray für andere Menschen immer schöner wird.

Der eher mittelmäßige, kaum erfolgreiche Schriftsteller, der sich zwar Tag und Nacht für die Literatur abrackert, aber wenig Beachtung findet, ist wohl autobiografisch gefärbt. Jahrelanng hat Bloch kaum von seinen Texten leben können. Erst als Alfred Hitchcock "Psycho" verfilmte, war er über Nacht berühmt. Er schrieb noch weitere Geschichten für Hitchcock, und fortan trugen seine Bücher in der Beschreibung den Zusatz "Vom Autor von Psycho", weil das verkaufsfördernd war. Auch in "Psycho" spielt eine weibliche Bezugsperson aus der Kindheit des Mörders eine fatale Rolle. Bei Norman Bates ist es die überstarke Mutter, bein Dan Morley eine Lehrerin.

________________
Krimi-Novelle und lesenswerter Klassiker. 223 Seiten umfassendes Taschenbuch. Diogenes Verlag

Mittwoch, 15. Juli 2009

BRENNENDE BUCHSTABEN

von Zauselina Rieko


Das Zedler Universallexicon

Das Zedler Universal-Lexicon entstand zwischen 1732 und 1754 und umfasst 64 Bände. Der komplette Titel lautet Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste . In der Kurzform heißt es heute aber allgemein nur "Zedler". Der Buchhändler und Verleger Johann Heinrich Zedler(1706–1751) hat das Lexikon veröffentlicht. Die einzelnen Mitarbeiter sind nicht namentlich aufgefürt. Heute weiß man, dass große Teile aus anderen Lexika abgeschrieben oder Übersetzungen sind, aber im 18. Jahrhundert gab es kein copyright, kein Urheberrecht. Ein so umfassendes Werk, das den Anspruch hatte, das gesamte Wissen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit abzubilden, musste andere Quellen heran ziehen. Heutzutage entsteht kein wissenschaftliches Werk ohne Bezugnahme auf andere Veröffentlichungen; nur dass diese anderen Werke namentlich genannt werden müssen.

Der Zedler war Namensgeber für die BRENNENDEN BUCHSTABEN. Hier ein Auszug aus dem vierten Band, Seite 1252:
Brennende Buchstaben, litterae ardentes, werden in der Feuer-Wercker-Kunst Buchstaben genennet, die von einem Zeuge zubereitet werden, der langsam brennet, wovon die Flamme die Buchstaben vorstellet. Ihre Construction verhaelt sich folgender Massen. In ein abgehobeltes viereckiges Bret, graebet man die Buchstaben, so vorgestellt werden sollen, auf 1/4 Zoll tief ein. An die Seiten dieser Vertieffungen werden in einer geringen Weite von einander eiserne Naegel eingeschlagen; in die Vertiefungen selbst aber wird Baum-Wolle eingelegt und mit Schweffel überzogen, auch die Zwischen-Raeume mit einer Masse, so aus Mehl-Pulver und spiritu vini zubereitet wird, ausgefüllet. Der obere Schweffel wird etwas weggeraeumet und an dessen Statt Mehl-Pulver hingethan: worauf denn die ganze Composition mit Tragacanth, so in spiritu vini solviret worden ist, überzogen wird. Wenn dieses geschehen, und die Buchstaben sind feuchte genug, so wird um gedachte Naegel quer ueber abgeglueter Drat gelegt, und die Buchstaben alsdenn von neuem, mit einer Masse von Mehl-Pulver und spiritu vini ueberzogen. Endlich leimet man Papier daran, so sind die Buchstaben fertig; und werden die solcher Gestalt zubereiteten Buchstaben in blauem Feuer brennen. Die Compositiones variiren hierinnen, nachdem man die Buchstaben in andern Feuer will brennen lassen; ... Man pfleget die brennenden Buchstaben bei Feuer-Wercken zu gebrauchen, wenn man die Namen hoher Personen oder auch die Ueberschriften derer Sinnbilder will brennen lassen.

Tierisches

von Zauselina Rieko

Christian Morgenstern (1871-1914)

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

,Der Werwolf' - sprach der gute Mann,
,der Weswolfs, Genitiv sodann,
,dem Wemwolf, Dativ, wie man's nennt,
,den Wenwolf, - damit hat's ein End'.'

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augebälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch ,Wer' gäb's nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Das ästhetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im Stillen:

Das raffinierte Tier
tat's um des Reimes willen.


Der Rabe Ralf

Der Rabe Ralf
will will hu hu
dem nieman half
still still du du
half sich allein
am Rabenstein
will will still still
hu hu

Die Nebelfrau
will will hu hu
mimmt's nicht genau
still still du du
sie sagt nimm nimm
's ist nicht so schlimm
will will still still
hu hu

Doch als das Jahr
will will hu hu
vergangen war
still still du du
da lag im Rot
der Rabe tot
will will still still
du du
_____________________________________________________

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Dienstag, 14. Juli 2009

Apokalypse

von Zauselina Rieko

Ich mag apokalyptische Literatur, apokalyptische Regionen in Second Life, und hier habe ich mal ein nettes Filmchen zum Thema gefunden. Am besten ist die fröhliche Musik, mit der die Weltenzerstörung unterlegt wird.
Passend dazu ein Gedichtauszug aus dem Gedicht Das Jüngste Gericht von der ersten Frau, die in deutscher Sprache geschrieben hat. Ava lebte vermutlich von 1060 bis 1127, hatte zwei Söhne und lebte nach dem Tod ihres Mannes in einem Kloster. Das Gedicht ist in Mittelhochdeutsch verfasst, aber ich stell auch mal eine Übersetzung ein.

4) Am dritten tage, wie ich vernommen habe,
so wird abfließen von der erde, das wasser der berge.
6) Am vierten tage erhebt sich die klage
so hebt sich vom grunde fische und meerestiere.
15)Am dreizehnten tage wird es niemand wohl ergehen.
da tun sich die gräber auf, die gebeine machen sich hinaus.

Auch im muspili, einem in Althochdeutsch verfassten Gedicht im Stabreim (Reim nicht am Ende der Zeile, sondern gleiche Anfangsbuchstaben, wie es in der germanischen Dichtung üblich war), ist viel von Gericht und Vernichtung die Rede. Die Bedeutung des Wortes muspili ist nicht ganz klar, könnte aber "Weltenbrand" oder "Weltuntergang" heißen. Der/die Verfasser/in ist unbekannt. Es wurde nur zufällig entdeckt: Es steht als Schmiererei in einer lateinischen Handschrift, war also nie zur Veröffentlichung bestimmt. Entstanden ist es im 9. Jahrhundert. Germanische Traditionen fließen ein, es ist aber christlich überformt. Anfang und Ende sind verloren gegangen.

Zeilen 50 bis 54:
Wenn das Blut des Elias auf die Erde träuft,
so entbrennen die Berge, kein Baum bleibt stehen,
keiner auf Erden. Die Wasser vertrocknen,
das Moor verschlingt sich, es schwelt im Feuer der Himmel,
es fällt der Mond, der Erdkreis brennt.

Montag, 13. Juli 2009

Theater in Second Life

von Zauselina Rieko




Am Sonntag, dem 12. Juli gab das George C. Dove Theatre auf dem Gelände der Rockcliffe University ein Theaterstück: Henrik Ibsens (1828 - 1906) "Die Frau vom Meer" (Originaltitel "Fruen fra havet").
Ibsen schrieb die Geschichte 1888 in München. Uraufführung war ein halbes Jahr später an zwei Orten gleichzeitig - in Oslo und Weimar. 1911 wurde es erstmals in den USA verfilmt ("The Lady from the Sea"). Dem Naturalismus verpflichtet übt der Norweger Ibsen darin Kritik an der eingeengten Lebenswelt und den reduzierten Entfaltungsmöglichkeitn der bürgerlichen Frau im 19. Jahrhundert. Naturwahrnehmung, die damals neuesten Erkentnisse der Wissenschaft, sowie die Überzeugung von der Eigenverantwortlichkeit des Individuums für das eigene Schicksal fließen in seine Stücke mit ein. Teilweise wurden die Aufführungen verschiedener Ibsen-Stücke verboten; im höheren Lebensalter wurden ihm dann Ehrungen zuteil.

Unter dem Avatar-Namen Mokey Mokusei hat die Regisseurin sich des Stoffs angenommen und in englischer Sprache eine Anpassung an die Besonderheiten des Internet-Theaters vorgenommen. In zeitgenössischen Kostümen agierten die SchauspielerInnen auf der Bühne des Theaters. Wechselnde Hintergrundbilder und Dekorationen machten den Kunstgenuss perfekt. Zwar war der Zuschauerraum nicht ganz gefüllt, aber wenn man die besondern Schwierigkeitn mit zu vollen Second-Life-Regionen bedenkt, ist die Anzahl der BesucherInnen gerade richtig gewesen. Mehr hätte wahrscheinlich wieder Abstürze und Ladeverzögerungen verursacht.


Kostüme und Mobiliar des 19. Jahrhunderts


Heranzoomen macht die Illusion einer Szene perfekt


Zoom


Szene


Und auch mit der 3D-Simulation der Technik hatte man sich Mühe gegeben: Hoch oben auf einer Empore agierten die Avatare, die für Ton und Licht sorgten.


Der erleuchtete Theaterraum

Blogger-Lesung

von Zauselina Rieko

Blogger-Abend am 3. Mai 2009 auf der Lesebühne der Brennenden Buchstaben

Die BRENNENDEN BUCHSTABEN werden am 19. Juli um 21 Uhr eine Blogger-Lesung veranstalten. Schon das letzte Blogger-Duo June Brenner und Kueperpunk Korhonen war ein Erfolg: Satirisches, Kabarettistisches, Spitzfedriges.
Diesmal soll ein ungewöhnlich gestalteter Ort eine kleine Überraschung bieten.

Gibt es noch BloggerInnen, die sich berufen fühlen, öffentlich zu lesen? Den Sprung vom web2.0 ins web3.0 zu wagen?

Sonntag, 12. Juli 2009

FeenCon in Bonn 11. und 12. Juli 2009

von Zauselina Rieko



Gestern war ich auf dem FeenCon in Bonn - Bad Godesberg in der Bonner Stadthalle. Seit 1990 findet er jährlich statt. Schräge Gestalten tummeln sich dort. Es gab Rollenspiele für Erwachsene, aber auch Brettspiele, Kartenspiele, eine große Spielplatte in 3D (Seeschlacht mit Playmo-Schiffen), dazu jede Menge fantastische Literatur, Zeichnungen von Fantasy-Figuren und allerhand Rollenspiel-Zubehör von Schwertern über Beile, bis hin zu Schmuck und Kleidung. Der Außenbereich war für den Mittelaltermarkt vorgesehen. Etwa 80 HändlerInnen und AusstellerInnen boten ihre Waren feil.




Ein Stand hat Met (Honigwein) angeboten. Wer dachte, Honigwein ist Honigwein, kann sich hier eines Besseren belehren lassen: Heller Lindenblüten-Met in lieblicher Note, dunkler Tannen-Met in würziger Note, dazu Mischungen mit Kirschen oder Johannisbeeren mit leicht säuerlichem Beigeschmack. Kleine Probebecherchen mit Teelöffelportionen Met - und schwupps du bist angefixt. Also: LIEBER NICH PROBIERREN IS ECHT LÄCKA ! Preise waren sehr zivil (7 bis 9 €). Ich habe eine Flasche einfachen hellen Met erstanden.
Die Vorankündigungen für die Lesungen von Fantasy-Autoren haben mich natürlich auch interessiert, aber meine Zeit reichte leider nicht.
Eingeladene Autorinnen / Autoren waren:
- Christoph Hardebusch *1974 (Roman "Die Trolle")
- André Wiesler *1974 (Mystery-Trilogie "Die Chroniken des Hagen von Stein")
- Saskia V. Burmeister *1988 (div. Romane, Kurzgeschichten, Hörbücher, Lyrik)
- Ju Honisch (Roman "Das Obsidianherz" )
- Oliver Plaschka *1975 (div. Kurzgeschichten und Romane)
- Linda Budinger *1968 (Romane u.a. "Die Nebelburg", "Der Geisterwolf")
- Alexander Lohmann *1968 (2 Romane für die Reihe "Das schwarze Auge")
- Simone Edelberg (Veröffentlichungen in div. Anthologien)
- Nina Behrmann *1982 (Roman "Seidenfessel")
- Michael Thiel ("Böses Erwachen")
- Torsten Low *1975 (Roman-Zyklus "Dunkel über Daingistan")
- Tanya Carpenter *1975 (3teilige Romanserie "Ruf des Blutes")

Die ganze Veranstaltung war ein wenig mittelalterlich angehaucht, wobei auf Authentizität wenig Wert gelegt wird - ist ja auch mehr eine Fantasie-Welt.
Was mich bei solchen Veranstaltungen immer beeindruckt, ist die friedliche und entspannte Atmosphäre. Obwohl dort ja Fantasy-Freaks Zweikämpfe mit Schwertern und Beilen vollführten, Conan der Barbar einen Auftritt hatte (mit Bierflasche in der Hand), scheint über allem immer eine Anweisung zu schweben: Bitte entspannen,Hektik draußen lassen, genießen!
Wenn ich für die Zeitung unterwegs bin und von Karnvelssitzungen oder Schützenfesten berichten muss, dann stößt mich immer die laute und bierselige Stimmung ab. Dort scheint eher ein unsichtbares Schild zu schweben: Bitte nur unpolitische und harmlose Witze, über alles aufregen, möglichst laut und primitiv daher reden.

Freitag, 10. Juli 2009

Liebe

von Zauselina Rieko



Was ist Liebe?






Wenn ich Fremdsprachen spreche und übernatürliche Eindrücke übersetzen kann, aber keine Liebe habe, so bin ich nicht weiter als ein Tonerzeugungsapparat oder eine trällernde Juke-Box. Wenn ich prophetische Gaben besitze und alle Geheimnisse kenne und tiefste Erkenntnisse und den größten Glauben habe, sodass ich Berge versetzen kann, aber keine Liebe habe, so bin ich NICHTS. Wenn ich all mein Vermögen karitativen Organisationen schenke und mich vollkommen aufopfere, aber keine Liebe habe, dann nützt es MIR nichts. Die Liebe ist geduldig, die Liebe ist gütig, sie ist nicht neidisch, sie stellt sich nicht selbst heraus, sie gibt nicht an, sie benimmt sich nicht unanständig, sie ist nicht auf eigenen Vorteil bedacht, sie lässt sich nicht verbittern, sie rechnet das Böse nicht an, sie freut sich nicht über Ungerechtigkeit, sondern freut sich über die Wahrheit.
Hervorhebungen, Auslassungen und Umformulierungen von mir. Text nach 1. Korinther-Brief Kap. 13, Verse 1 bis 6.

Der Film „Paper Heart“ will dem Phänomen „Liebe“ mit einer Untersuchung auf die Spur kommen. Verschiedene Experten geben in Interviews ihr Wissen, ihre Meinungen dazu bekannt. Charlyne Yi, die die Interviews führt, dabei gefilmt wird und selber nicht an Liebe im herkömmlichen Sinn einer romantischen Gefühlsverwirrung glaubt, verliebt sich während der Dreharbeiten in einen jungen Mann. Der Film wirft einen neuen Blick auf die moderne Auffassung von Liebe – und endet doch in einer nicht mit Körperchemie und Gehirnregionen erklärbaren Gefühlsverwirrung ?!?
http://www.paperheart-movie.com/

„Muriels Hochzeit“ hat sich 1994 auf eine tragikomische Weise dem Rätsel „Liebe“ genähert. Obschon mittlerweile 14 Jahre alt, ist der Film immer noch großartig anzusehen. Ist Liebe eine Hochzeit in Weiß? Ist es Liebe, jemanden zu heiraten, um ihm eine Aufenthaltsgenehmigung zu verschaffen? Ist es Liebe, in einer Beziehung (egal ob Eltern-Kind oder Mann-Frau) alle Verantwortung zu übernehmen und dem Partner / der Partnerin zu ermöglichen, sich zu verwirklichen, wenn man dabei selber vollkommen untergeht?

Was ist Liebe?
Wenn man 1000 Leute dazu befragt, bekommt man wahrscheinlich 1000 unterschiedliche Antworten.

Im alten Testament im Hohelied Salomos, das voller erotischer Anspielungen und auf poetische Weise die Freuden der Liebe preist, fern der katholischen Körperfeindlichkeit oder bürgerlichen Prüderie späterer Jahrhunderte, heißt es:
Leg mich wie ein Siegel an dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm. Denn stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie das Totenreich die Leidenschaft. Ihre Gluten sind Feuergluten, eine Flamme Gottes. Mächtige Wasser sind nicht in der Lage, sie auszulöschen, und Ströme schwemmen sie nicht fort. Wenn einer den ganzen Besitz seines Hauses für die Liebe geben wollte, man würde ihn nur verachten.
Das Hohelied Salomos Kap. 8, Verse 6 und 7.

Leidenschaft brennt wie die Gluten der Hölle. Ist es so was wie eine kurze Berührung von göttlicher und satanischer Sphäre? Muss Liebe schmerzen? Liegen Schmerz und Leidenschaft dicht beieinander?

Wollen wir reden über Liebe
Woran denkst du, wenn du davon sprichst
An Kerzenlicht und einen Mond, der scheint
Hell, sanft und schön
An lachen und an Fröhlichkeit
Und an Hand in hand gehen
Oder an Schläge, Blutergüsse
Aufgeplatzte Lippen und Schläfen
Denkst du an Himmel oder Hölle
An Fliegen oder Fußboden-Kriechen

Aus: „Teil von mir“ von den Toten Hosen

Die Neurologen und Biochemiker werden uns das Geheimnis der Liebe sicher nicht erklären können. Die Theologen aber auch nicht. Möglicherweise ja die Neuro-Theologen?
Geist & Gehirn: Reine Nervensache | BR-alpha | BR
Ach das ist mir zu nüchtern, um nicht zu sagen: er-nüchternd. Was geht schon über einen Kuss auf die vollen Lippen des Geliebten? Mir doch wurscht, was sich da in meinem Hirn abspielt. Hauptsache es ist LIEBE.

Montag, 6. Juli 2009

Aussicht in Erkrath

von Zauselina Rieko


In Erkrath gibt´s Balkone..






...und von da aus kann man bis Leverkusen und Köln gucken. Hier war ich im vierten Stock auf einem Balkon zwecks Partyfeierlichkeiten. Also die Entfernung bis Köln ist weniger das Problem, mehr die Entfernung zum Boden unter dem Balkon....

Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis' die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande
Als flöge sie nach Haus`.

Joseph von Eichendorff

Freitag, 3. Juli 2009

Klagenfurt: Tage der deutschsprachigen Literatur

von Zauselina Rieko

Der Schweizer Jens Petersen (32) ist der Gewinner des Ingeborg-Bachmann-Preises 2009. Der Erstplatzierte erhält 25.000 €. Der Neurologe Petersen war früher journalistisch tätig. Hier der Text - ein Romanauszug aus "Biss dass der Tod" - mit dem er die Jury überzeugen konnte.
http://presse.bachmannpreis.eu/dokumente/2009/Deutsch/petersen_d.pdf

Der aus Lich stammende und in Berlin lebende Ralf Bönt (46) erhielt den Kelag-Preis für "Der Fotoeffekt" mit 10.000 €. Der studierte Physiker ist jetzt freischaffender Schriftsteller und gibt das Literaturmagazin Konzepte heraus.
http://presse.bachmannpreis.eu/dokumente/2009/Deutsch/boent_d.pdf

Den 3-sat-Preis mit 7.500 € konnte Gregor Sander (41) mit "Winterfisch" für sich verbuchen. Der gelernte Schlosser, Krankenpfleger und studierte Mediziner, Germanist und Historiker ist gebürtig aus Schwerin, lebt heute in Berlin.
http://presse.bachmannpreis.eu/dokumente/2009/Deutsch/sander_d.pdf

Katharina Born (36) erhielt den mit 7.000 € dotierten Ernst-Willner-Preis. Die in Berlin geborene Journalistin lebt im Wechsel in Deutschland und Frankreich.
http://presse.bachmannpreis.eu/dokumente/2009/Deutsch/born_d.pdf

Karsten Krampitz (40) wurde vom Publikum für "Heimgehen" ausgezeichnet. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Literatur und Geschichte hat er zahlreiche Artikel in Zeitungen und Texte in Anthologien veröffentlicht. Der Publikumspreis ist mit 5.000 € dotiert.
http://presse.bachmannpreis.eu/dokumente/2009/Deutsch/krampitz_d.pdf

Donnerstag, 2. Juli 2009

Das Herz der Hölle

von Zauselina Rieko


Krakau, aus der Finsternis herausgemeißelt. Die Mauern der Stadt waren rissig, ihre Straßen aufgesprungen - augefranste Schals aus Nebel hatten sich um ihre Hochhäuser und Kirchtürme gewickelt. Alles schien bereit für eine "Walpurgisnacht". Auch an Wölfen und Hexen fehlte es nicht.
In Polen wurde es früher dunkel. Oder es braute sich ein Gewitter zusammen. Oder meine Wahrnehmung von Hell und Dunkel hatte sich verändert. Als ich zu der genannten Zeit in die Klostergärten zurückkehrte, schien es mir, als wären die Bäume und Sträucher und Kirchenfenster bereits in Finsternis gehüllt. Nur ein quecksilbriges Schimmern hielt sich noch zwischen den Nadeln der Tannen, den Zweigen der Buchsbäume, den Figuren der Glasmalereien an den Fenstern.
Mittag. Es war noch immer nicht richtig hell. Dichter Nebel hüllte die Stadt ein. Die Straßen existierten nicht mehr. Die Gebäude glichen Erzhalden - Bergen, die die Wolkendecke durchstoßen hatten, wie auf einem chinesischen Gemälde. Einige niedrige Äste schimmerten vor Nässe, aber ihre Konturen verschwammen in dem perlmuttartigen Dunst. Die Straßen waren menschenleer. Krakau schien verlassen zu sein. Nur einige Autos glitten mit angeschalteten Scheinwerfern durch die Suppenküche und lösten sich dann auf wie Geisterschiffe.


Dies sind drei Textstellen aus Das Herz der Hölle von Jean-Christophe Grangé. Die Beschreibung der Stadt Krakau unterstreicht die düstere Atmosphäre des Thrillers und zeigt auch das sprachliche Können des französischen Autors. Dabei geht es eigentlich eher rasant zu in der Geschichte: Verfolgunggsjagden über Autobahnen und durch Tunnels, durch düstere Tannenwälder oder dichten Nebel in einer Großstadt. Bizarre Kriminalfälle führen den gläubigen Katholiken und Commandant der Mordkommission Mathieu Durey quer durch Europa. Die in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten begangenen bestialischen Morde weisen alle die Handschrift eines einzigen Mörders auf, der aber unmöglich an allen Orten gleichzeitig gewesen sein kann. Außerdem gibt es für die Fälle geständige und überführte Täter. Die Hinweise verdichten sich, dass Satan persönlich dahinter steckt. Doch der überzeugte Christ Durey weigert sich, einer irrationalen Lösung zu verfallen und sucht eine logische Antwort. Dies führt ihn an die Grenzen seines Glaubens und zur Liebe seines Lebens.

Jean-Christophe Grangé, Das Herz der Hölle ( Originaltitel Le serment des Limbes), Bastei Lübbe, ISBN 978-3404162840, 9,95 €