Montag, 14. September 2009

Gogbot Festival Enschede

von Zauselina Rieko

Vom 10. bis zum 13. September 2009 war das niederländische Enschede Kulisse für ein Festival der besonderen Art: Atompunk-Kunst an jeder Ecke. 2008 hieß das Event noch "Steampunk". Dieses Jahr musste etwas Neues her. Kurzerhand wurde ein neuer Begriff kreiert: Atompunk. Die auf Straßen und in der Grote Kerk (Große Kirche) im Herzen der Stadt gezeigte Kunst ist eine Hommage an die Zeit des Kalten Krieges, als die ständige latente Bedrohung durch das Szenario eines möglichen nuklearen Angriffs einer der Großmächte das Bild der Menschen vom jeweiligen Feind prägte.

In Enschede konnte man DDR-Artefakte wie etwa ein buntes Likör-Servier-Geschirr aus Aluminium ebenso bestaunen wie eine russische Cocktail-Bar in einer unterdimensionierten Kunststoffrakete: Die Bar Raketa. Die zeitliche Bestimmung der DDR-Gegenstände ist schwierig, weil sie ja bis 1989 immer noch so aussahen wie in den 50er und 60er Jahren.
Hier macht sich Zauselinas Realavatar gerade fertig zum Abflug in die Bar Raketa

Interieur der 70er Jahre konnte in Wohnwagen und Wohnmobilen bestaunt werden. Was vor 40 Jahren noch modernes Design war, ist heute schrille Kunst.

Fantastische Objekte, die futuristisch anmuten, stehen an den Straßenecken. In Enschede durften die Objekte aus nächster Nähe betrachtet werden.

Da wäre Beuys Fettecke neidisch geworden: Alltagsgegenstände wie diese Kühlschränke mutieren zu Kunstobjekten. Alle Türen ließen sich öffnen und offenbarten überraschende Einsichten: Innenauskleidung in schreiendem Pink oder dürsterem Schwarz, eine Installation aus Matchbox-Autos - alles ist möglich, nur nicht das Gewöhnliche und das Erwartbare, also weder Salami noch Gürkchen im Glas oder Papas Bierdose.



Diese Fahrzeuge fuhren am Abend tatsächlich durch die Ortschaft. Alles funktionstüchtig, nicht nur Ausstellungsgegenstände!

Das darf auf einem Atompunk-Event natürlich nicht fehlen: Ein Atommodell aus Plastik schwebt majestätisch über den Feiernden. Im Hintergrund sieht man die Grote Kerk, in der die Kunst auch Raum fand.


Die Kunst brauchte nicht nur Räume und Flächen, auch Körper wurden zu Kunstträgern. Diese Gogbotter sind Künstler und Kunst zugleich.

Er gehört zur Nachkriegszeit und zum Atomzeitalter wie Schneewittchen zu den Sieben Zwergen: Der Trabant. Dieser Bursche wurde zum Punk-Trabi gestylt.

Das Media Art Café Berlijn gehörte mit zum Austellungsraum der Gogbot-Kunst. Ein Nachbau des Cafés findet sich auch in Second Life.

Er war unbestritten der Star des Festivals: Stickboy. Exakt im Takt zu AC/DC schlug er das Becken und hämmerte mit dem in einem ausgelatschten Turnschuh steckenden Stahlfuß den Bass.

Last not least: Der (Mit-)Erfinder des Cyberpunk, der Schriftsteller Bruce Sterling, war auch anwesend. "Der Staubplanet" (1977; dt. 1984)entstammt seiner Science-Fiction-Feder. Der 55-jährige Sterling schrieb das Vorwort der Festival Broschüre. Dort erklärt er, was "Atom" und was "Punk" ist. Punk ist für ihn moderne Computertechnologie und kann von jedem selbst angewendet werden: Suchen, finden, ausschneiden, einfügen, prüfen, neu mischen, kopieren. Naja... klingt nicht wirklich punkig. "Atom" ist für ihn die fantastische Welt des Atomzeitalters: Hektisch, fiebrig, spacig, radioaktiv. Diese Welt sei gestorben wie ein Punk-Poet.



Fotos: Thorsten Küper
Hier gibt´s auch Infos zum Gogbot: http://2big.at/bxz
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