Samstag, 1. August 2009

Verachtet - James W. Nichol

von Zauselina Rieko



Inhalt

Autor James W. Nichol verflechtet zwei Geschichten miteinander. Zunächst laufen sie parallel, aber nicht zeitgleich, um am Ende zusammen zu finden.

Kanada 1946: Im Wald wird eine Leiche entdeckt. Jack Cullen übernimmt die Ermittlungen. Dabei muss er gegen die Uhr arbeiten, denn andere wollen den Fall gerne selber übernehmen. Cullens Sohn ist im Krieg vermisst, und seine Frau liegt im Krankenhaus im Sterben. Vor dem Hintergrund seines persönlichen Schicksals muss er zunächst ermitteln, wer der oder die Tote im Wald ist.

Frankreich 1941: Die 16jährige Französin Adèle muss sich im von deutschen Soldaten besetzten Frankreich um ihre Familie - die Mutter, die beiden jüngeren Brüder und einen kranken alten Freund der Familie - kümmern. Der Vater wird vermisst. Die Mutter gibt sich ganz der Trauer hin und so bleibt es Adèle überlassen, den Haushalt zu besorgen, Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt zu organisieren und in der Fabrik zu arbeiten. Sie geht regelmäßig zur deutschen Militärverwaltung im Ort, um sich nach dem Vater zu erkundigen und etwas über sein Schicksal zu erfahren. Dabei lernt sie den etwa gleichaltrigen deutschen Soldaten Manfred kennen.
Die beiden wollen über die Grenze fliehen, denn für Adèle ist diese Liebe zu einem Deutschen gefährlich. Aber Manfred wird versetzt. Nach Eintreffen der Nachricht vom Kriegsende wird Adèle von den Dorbewohnern wegen ihres "Verrats" öffentlich gedemütigt - geschoren, mit Hakenkreuzen beschmiert, vergewaltigt, nackt durch die Straßen geführt.

Lange Zeit kann sie Manfreds Spur nicht aufnehmen. Sie verliebt sich wieder neu, heiratet und wandert nach Kanada aus.
Jetzt laufen die beiden Geschichten zusammen.


Stil

Nichol schreibt sehr "knapp": Nur für die Geschichte wichtige Details werden erzählt. Er geht sparsam mit Adjektiven um. Viel wörtliche Rede erzeugt Spannung und lässt den Leser / die Leserin in die Geschichte eintauchen.

Das macht die Geschichte einerseits leicht lesbar, andererseits mindert es nicht die Qualität, denn die vielen Erzählstränge zeugen von schriftstellerischem Können. So verliert man dennoch nie die Übersicht.

Das Schicksal des Polizei-Chiefs wird eingebettet in die Ermittlungsarbeiten. Auch Adèles Leben wird vor dem geistigen Leser-Auge entfaltet. So geht es trotz des knappen Stils nicht nur um einen Krimi mit Ermittlungen und Laboruntersuchungen und Spurensuche. Es geht um Lebensschicksale: Kriegsverbrechen, Liebe, persönliches Versagen und Schuld.

Nichol schafft es, dies alles in einem Kriminalroman unterzubringen und macht damit aus einem Krimi eine nicht nur spannend erzählte Mördersuche, sondern zugleich eine Erzählung von Lebensschicksalen, die betroffen macht. Einen Thriller darf man nicht erwarten. Die Krimihandlung ist ebenfalls nicht das Wesentliche. Vielmehr steht erzählerisch das Schicksal der Französin Adéle im Vordergrund. Gleichzeitig hebt sich das Buch damit aber aus der Masse der FBI-Profiler-Geschichten und Mördersuche-Rätsel-Krimis ab.



James W. Nichol, Verachtet, Roman Goldmann-Verlag, 448 Seiten, ISBN 978-3-442-46418-0, 8,95 € (Taschenbuch)
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