Dienstag, 4. August 2009

Puls - Stephen King


Inhalt

Ein Mann auf dem Nachhauseweg von einem erfolgreichen Vertragsabschluss, der ihm die Veröffentlichung seiner Zeichnungen sichert und damit auch den Lebensunterhalt. Die Aussicht auf Rettung des Familienfriedens und eine glückliche Wendung in seiner ehelichen Beziehung lassen ihn heiter und gelöst durch die Straße gehen.
Eine sehr normale Straßenszene mit spielenden Kindern und Straßenbahnen, Eisverkäufer und Rollschuh fahrenden Jugendlichen liegt vor ihm.
Da bricht unvermittelt das Böse ein:
Menschen fallen übereinander her, beißen sich tot. Sie greifen einander an und erschlagen sich gegenseitig. Leute, die vor Sekunden noch arglos nebeneinander gestanden und sich unterhalten haben, bringen sich gegenseitig um. Blut fließt. Schreie.

Stephen King entfaltet vor den Augen des Lesers eine Apokalypse, die von einer Sekunde auf die andere in die völlig normale Welt einbricht und sich unaufhaltsam ausbreitet. Ohne erkennbare Ursache ist ein Teil der Menschen plötzlich zu Killern mutiert. Es sind keine bewaffneten Terroristen oder Selbstmordattentäter. Vielmehr sind es gewöhnliche Menschen, die gerade alltägliche Dinge tun: Spazieren gehen, plaudern, Eis essen, mit dem Handy telefonieren.

Der Protagonist kann nach den ersten Schrecksekunden in schockartiger Starre fliehen. Überall auf den Straßen spielen sich aber ähnliche Szenen ab. Überall fallen Menschen übereinander her und bringen sich um. Schnell merkt er, dass alle zu Mörder verwandelten Leute kurz zuvor mit dem Handy telefoniert hatten. Ihm kommt der Verdacht, dass sie eine Art Botschaft oder Signal empfangen haben müssen, dass zum Töten auffordert oder umprogrammiert: Der Puls.

Er kann sich mit einem anderen Mann und einer Jugendlichen anfreunden, die ebenfalls auf der Flucht sind. So machen sie sich zu dritt auf einen Fußmarsch gen Osten. Er will zu seiner Frau und seinem Sohn gelangen und herausfinden, was mit ihnen passiert ist, ob sie noch leben und wenn ja, ob sie auch zu Zombies mutiert sind. Immer wieder begegnen ihm alte Bekannte, Freunde, Nachbarn, die nun zu tödlichen Feinden verwandelt wie stumpfsinnige Tiere über die Landstraßen und durch die Städte ziehen. Manche sind halbnackt oder ganz nackt, mit Essen verschmiert, bemerken halb abgerissene Körperteile und Blut nicht mehr, weil sie keinen Schmerz empfinden.

Die Reise ist ein Fußmarsch durch eine apokalyptische Welt. Überall streifen die „Handy-Leute“, wie er die Zombies bald nennt, durch die Straßen und töten alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Sie fressen die Regale der Supermärkte leer, graben Gemüse aus den Gärten und kauen es wie hungrige Tiere. Da die Handy-Leute tagsüber umher laufen und nachts auf zunächst unerklärliche Weise aus dem Straßenbild verschwinden, bleiben den Lebenden die Nächte, um sich fortzubewegen. So kehrt sich die Welt um: Der Tag für die Toten, die Nacht für die Lebenden.

Die Nutzung von U-Bahnen ist zu gefährlich, weil niemand weiß, wie lange Elektrizität noch verfügbar sein wird und weil man in der U-Bahn wie eingeschlossen ist und keine Fluchtmöglichkeit hätte, wäre man zusammen mit Handy-Leuten dort. Dem modernen Menschen ist nicht nur die Kommunikation in der bisher bekannten Weise genommen, auch die Fortbewegung wird nun steinzeitlich. Alles erinnert an Steinzeit, wenn die Lebenden Rauch zu deuten versuchen, der immer wieder in der Ferne aufsteigt und von Bränden und Explosionen zeugt. Die zivilisierte Welt verkehrt sich in eine Neandertaler-Welt.

Die Geschichte lässt den Leser hoffnungslos zurück. King bietet am Ende keine Lösung und keine Erklärung. Die Welt geht unter und bleibt doch bestehen. Das Vertraute hat sich in das Böse verwandelt. Das Böse hat begonnen, sich zu organisieren, und die lebendigen Toten stehen in geheimnisvoller Verbindung miteinander, während die Kommunikation der normal gebliebenen Menschen zusammengebrochen ist. Der Gebrauch von Handys könnte tödlich sein, also kann niemand mehr anrufen oder angerufen werden.
King hebelt die Gesellschaft an ihren empfindlichsten Stellen auseinander: Der globalen Kommunikation und Vernetzung über moderne Medien. Ausgerechnet diese Vernetzung bringt den Tod und lässt Menschen zu Untoten werden.

Gesellschaftskritik

Eine satirische Spitze versteckt King in seiner Geschichte, als er die Handy-Leute zu seichter Musik dahin wandeln lässt. Musik macht sie anscheinend ruhiger und lässt sie alle in eine Richtung ziehen. Es mutet wie eine gemeinsame Aktion der Zombieschar an, die aufgrund der beruhigenden Musik alle dasselbe tun, als lenke sie eine höhere Macht. Da drängt sich das Bild des hirnlosen, unkritischen Wal-Mart-Kunden auf, der zu seicht plätschernder Kaufhausmusik durch die Gänge des Supermarktes streift und alles kauft, was eine Stimme über Lautsprecher ihm suggeriert, dass er es benötigt.


Sprache

Sprachlich lässt der Roman zu wünschen übrig. Die häufige Verwendung von Klammern im Text, um Einschübe in Form von ausformulierten Nebensätzen oder einen neuen Hauptsatz zu vermeiden, behindert den Lesefluss. Insgesamt ist der Sprachstil eher schlicht und zeugt von schriftstellerischem Mangel.
Einige Textpassagen wirken unfreiwillig antiquiert, obwohl der Roman 2006 in den USA erschienen ist. Wenn der Protagonist sich die Grundlagen von Mails und Internet erklären lässt, muss man schmunzeln und bekommt das Gefühl, als habe sich King erst kurz vor dem Verfassen seines Romans diese Sachverhalte erklären lassen.

Insgesamt dennoch eine lesenswerte Geschichte mit reichlich Kritik an der modernen Gesellschaft mit ihrer Vernetzung, Vereinheitlichung und Verdummung.
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Puls, Stephen King, Roman Heyne 2006, Taschenbuch 528 Seiten, 8,95 €, ISBN 978-3-453-56509-8.
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