Montag, 3. August 2009

Kalender - zu wenig beachtete Literaturform

von Zauselina Rieko


"Der hinckende bott" zeigt einen kriegsversehrten Soldaten. Das Motiv hat sein Vorbild aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Invalide Soldaten waren darauf angewiesen, sich mit einer neuen Art Erwerb den Lebensunterhalt zu verdienen, nämlich mit Botengängen. Ohne Ausbildung in Landwirtschaft oder Handwerk, nur des Kriegshandwerks mächtig, war diese Berufsgruppe nicht nur überflüssig, sondern auch noch durch körperliche Gebrechen für viele Arbeiten unbrauchbar. So brachten etliche von ihnen Waren und Nachrichten von Ortschaft zu Ortschaft.

Kalender

Ein Kalender ist ein Dokument, ein Schriftstück von bestimmtem Aussehen und mit bestimmter Funktion. Die Grafik ist abhängig vom Ort des Erscheinens und der Zielgruppe: Italienische Kalender sehen anders aus, als amerikanische, Handwerkerkalender anders als Schülerkalender.
Ein Kalender teilt unsere Zeit ein, gibt uns in hohem Maße vor, wie wir zu leben haben.
Diktatoren beherrschen mit Statuen und Bildern den öffentlichen Raum. (Heinz W. aus Gelsenkirchen könnte nicht eine Bronzestatue von sich selber auf einem Schlachtross sitzend auf dem Gelsenkirchener Marktplatz aufstellen).
Machthaber beherrschen durch einen Eintrag im Kalender auch die Zeit und damit sogar die öffentliche Erinnerung. Kalendarische Entscheidungen benötigen Macht zur Durchsetzung.

Wie eng Macht und Kalender schon immer miteinander verknüpft waren, zeigen zwei Beispiele:
Der Kalender des Römischen Reiches (Sonnenkalender) war nicht kompatibel mit den Kalendern (Mondkalender) der umliegenden Völker. Die Vereinheitlichung des Kalenders bedeutete, dass militärische Organisation nach römischen Vorgaben ermöglicht wurde.
Im Ersten Weltkrieg hat die Militärspitze an Soldaten Armbanduhren verteilen lassen. Damit waren genauere Absprachen möglich und die Effektivität der Truppe durch gleichZEITIGES Vorgehen wurde gesteigert.

Die Entstehung des Kalenders in der heutigen Form ist eng verknüpft mit dem Entstehen von Zeitungen. Die älteste (bekannte) Zeitung der Welt stammt aus dem Jahr 1609. Zeitungen wurden zuerst handschriftlich hergestellt, dann kam die gedruckte Version auf, aber beide Formen existierten lange Zeit nebeneinander.

Um 1550 werden Kalender in Buchform herausgegeben. Sie steigen zum erfolgreichsten Druckerzeugnis der Epoche auf.
Der Kalender besteht aus zwei Teilen:
1. Calendarium
chronologische Abfolge von Tagen, Monaten, Heiligentagen, Kirchenfesten, Planetenstand
2. Praktica
Erläuterung von Abkürzungen aus dem Calendarium, astrologische Vorhersagen, Ratschläge für die Gesundheit, Monatsverse, Tipps für Haus- und Landwirtschaft, denkwürdige Exempel, Historien. (Jede Art von Vorhersage bezeichnete man als Praktik.)
Damit war der Kalender ein alltägliches Druckwerk. Kalender unterlagen der Zensur und mussten obrigkeitlich genehmigt werden, wie auch andere gedruckte Erzeugnisse.

Mit Zunahme der Zeitungen wird der Informationsgehalt im Kalender weniger und die rein unterhaltsamen Anteile mehr. Man kann das als abnehmendes Interesse des Volkes an politischen Geschehnissen werten. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Zeitung schneller und aktueller reagieren konnte in der Berichterstattung und so eine klare Aufgabenteilung von Kalender und Zeitung in Gang kam.

In früheren Zeiten hatten Kalender eine Funktion, die uns heute seltsam anmuten mag: Mangels Schulbücher in vielen Regionen Deutschlands mussten Kalender als Lehrmaterial dienen. Damit wurden sie zu einem wichtigen Medium der Aufklärung.

Die Kalendergeschichte

Bestandteil des gedruckten Kalenders war die Kalendergeschichte – eine meist kurze Erzählung mit Unterhaltungswert, oft belehrend gedacht. Sie konnte eine Fabel sein, eine volkstümliche Erzählung, eine besondere Begebenheit.
Damit schließt sich der Kreis zum Hier und Heute: In Tagebuchform, also chronologisch geordnet, trägt man jenseits von Verlagsbarrieren oder Pressezensur interessante oder belanglose Begebenheiten ein. Der Internet-Kalender ist geboren!
(Jaaaa … er heißt anders; er heißt BLOG)

Zum Abschluss möchte ich noch eine Blog-Empfehlung geben. Seht euch doch mal hier um: http://www.notizbuchblog.de/
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