Mittwoch, 29. Juli 2009

Wörter, Worte und Vokabeln (Teil I)

von Zauselina Rieko


Unwort des Jahres
Ist sie nicht schön, diese deutsche Sprache? Kennt sogar zwei (in Zahlen: 2) Plurale für eine Vokabel. Das „Wort“ gibt´s im Mehrfachpack sowohl als „Worte“, als auch als „Wörter“. So wichtig ist den Deutschen ihre Sprache. Und das „Wort“ kennt sogar das Gegenteil, nämlich das „Unwort“. Jedes Jahr seit 1991 kürt eine aus Sprachwissenschaftlern bestehende Jury das „Unwort des Jahres“. Dabei ist jede und jeder aufgerufen, zu sammeln. Besonders negativ herausragende Wörter des öffentlichen Sprachgebrauchs aus allen Teilen der Gesellschaft sollen erwischt werden. Ganzjährig kann man seinen Vorschlag unkompliziert per Mail einreichen.
Die Brennenden Buchstaben meinen: Eine kluge Aktion. Sie weist auf Unarten des menschlichen Miteinanders hin. Verunglimpfung und Herabwürdigung, Verschleierung von Verabscheuungswürdigem auf hohem sprachlichen Niveau werden enttarnt und mit beigefügter Begründung der Wahl als das identifiziert, was sie eigentlich sind. 2008 wurden die „Not leidenden Banken“ zu Siegern auserkoren.
Hier kann man sich angucken, welche Wörter (nicht Worte) es seitdem aufs Siegertreppchen geschafft haben: http://www.unwortdesjahres.org/ Dort findet sich auch die Mail-Adresse zur Einreichung von Vorschlägen zum Unwort 2009.

Wort des Jahres
Das „Wort des Jahres“ ist älter als sein oppositioneller Kollege. Bereits seit 1972 wählt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) Begriffe, die die öffentliche Diskussion besonders bestimmt haben. Damit ist nicht die Häufigkeit der Verwendung gemeint. Es soll nur heraus gestellt werden, dass dieses Wort in diesem Jahr den Ton angegeben hat. 2008 bestimmte demnach die „Finanzkrise“ das Denken und Fühlen der Menschen. (Wertende Anmerkung der Redaktion: 2007 war „Second Life“ in der näheren Auswahl, musste aber hinter der „Klimakatastrophe“ zurück stecken.) Auch die GfdS nimmt Vorschläge für das nächstjährige Wort an. http://www.gfds.de/index.php

Rote Liste
Die Rote Liste benennt. Nicht mit Hinterlist, sondern mit Auflistung. Nämlich was bedroht ist. Bedroht vom Untergang. Tiere etwa. Wie den Sibirischen Tiger, der durch starke Bejagung seiner felligen Streifen wegen die Schultern übersättigter Damen oder die Wände männlichkeitswahnsinniger Jäger ziert. Oder Pflanzen. Wie Nymphea alba, besser bekannt als weiße Seerose. Sogar eine Rote Liste bedrohter Biotope gibt es. Ein Biotop ist gewissermaßen auch ein lebendiger Körper. Es ist zumindest Lebensraum, natürlichen Veränderungen unterworfen, abhängig vom Klima und bedroht durch menschliche Eingriffe in die Landschaft. In diesem Sinne kann ein Biotop sterben.
Auch Sprache ist lebendig. Sie entwickelt sich von Generation zu Generation weiter. Sie durchläuft Wandlungen und Umformungen. Neue Wörter entstehen, alte verschwinden. Sie muss sich mit Einwanderungen auseinandersetzen. Aus der französischen Sprache sind transportable Verben vermehrt eingewandert, heute noch gut zu erkennen an ihren „-ieren“-Endungen wie etwa transportieren, telefonieren, telegrafieren (ja mit e-mailieren funktioniert das jetzt nicht…).
Aus dem Italienischen sind neuerdings koffeinhaltige Wörter zu uns gekommen wie der Capuccino, der Latte Macchiato, der Espresso oder der Café au Lait – ach nein, den haben wir wieder von der Franzosen. Eine Rote Liste der bedrohten Wörter gibt es auch. Hehres Ziel: Bewahrung alter deutscher Begriffe vor dem Absinken ins kollektive Vergessen.


Bodo Mrozek, Lexikon der bedrohten Wörter, Band I und II, Rohwolt, 380 Seiten, ISBN-10: 3499624478, 10 €.



Bodo Mrozek hat mittlerweile schon zwei Bücher geschrieben. Jetzt sind sie in einem Band zu haben. Wer weiß heute schon noch was „Bandsalat“ ist oder eine „Wählscheibe“? Das erste enthält keine Spuren von Erdnüssen, macht nicht dick, ist aber dennoch zum Verzehr nicht geeignet. Das zweite wird weder von den großen, noch den kleinen Parteien besonders genutzt. Genau genommen wird es gar nicht mehr genutzt. Denn es hat weder eine Taste zum Speichern, noch eine Funktion für Rückruf. Unbrauchbar! Also kann auch das Wort verschwinden? „Garstig, garstig!“, mag man da rufen.

Emigration
Angesichts der Anglizismen-Furcht nimmt sich das Buch „Ausgewanderte Wörter“ mit seiner 6000-Wörter-Liste sehr positiv aus. So viele Begriffe sind nämlich aus aller Welt zusammen getragen worden, die mal aus Deutschland emigriert sind.




Jutta Limbach (HG.). Ausgewanderte Wörter: Eine Auswahl der interessantesten Beiträge zur internationalen Ausschreibung "Ausgewanderte Wörter", Hueber, 160 Seiten, ISBN-10: 3191078916, 19,95 €.




Das bekannte Lieblingsgemüse des Amerikaners, das sauerkraut, oder ihr kindergarten dürften den meisten bekannt sein. Aber wer kennt schon die tschechische Zimmergenossin, die zimmerka? Die kennen nicht mal die Deutschen. Da waren die Tschechen sehr kreativ. –ka ist die weibliche Endung tschechischer Wörter, wie das deutsche –in. zimmer ist den Tschechen aus der Zeitung geläufig,über die sich vor allem junge Leute auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum mit Gleichaltrigen zusammen tun, aber nicht zwecks Partnerschaft oder Ehe. Ein Zimmer zu mieten ist eben nicht dasselbe wie eine Wohnung beziehen (das täte man mit Partner / Partnerin) oder ein Zuhause suchen (das käme zwecks Familiengründung in Frage). Es ist eine vorübergehende Bleibe. Das Zuhause ist zwischen dem Ende der Pubertät und dem Beginn des Erwachsenenlebens noch bei den Eltern. Dafür hat das Tschechische keinen kurzen griffigen Ausdruck. Also wurde das zimmer adoptiert. Und wer bewohnt ein Zimmer? Die Zimmer-in … wollte sagen: Die zimmer-ka. Tschechische Austauschstudentinnen sind regelmäßig erstaunt, wenn ihre Frage nach einer zimmerka hierzulande auf Unverständnis stößt. Sprachwissenschaftlich ausgedrückt ist die zimmerka in eine Benennungslücke geplumpst. Lesenswertes Buch!


Fortsetzung folgt morgen
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