Dienstag, 28. Juli 2009

Twitter, SMS, E-Mail - deutsche Sprache in Gefahr

von Zauselina Rieko



Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Also haben wir ebensolche nicht mehr. Weil ja alles schnell gehen muss. Denn wenn´s langsam und gründlich ginge, dann bräuchten wir Zeit. Aber die haben wir ja nicht. Unser Leben ist schnell. Die Sprache auch. Sie muss es sein. Sonst könnten wir nicht schnell leben. Denn Sprache gehört zum Leben dazu. Darum muss sie schnell gesprochen werden. Dazu wiederum muss sie vor allem eins sein: Kurz. Kurze Sätze, kurze Gedankenfetzen schnell dahin geworfen – das ist unsere Zeit. E-Mails sind keine Romane. Sie dienen einer kurzen Information über Wesentliches; einer Terminabsprache, Werbung, „hab das buch nicht mehr gekriegt gibt´s aber noch bei Amazon. kuck mal hier www.gibtsnochbuch.de“.

Telegramme waren auch kurz. Eher aus Kostengründen. Da musste noch jede Silbe bezahlt werden. Da ging man sparsam um mit Wörtern und Silben. Man war sich des Wortwertes bewusst. Und wenn nicht, dann spätestens beim Anblick der Rechnung. Da fasste man sich doch lieber gleich kurz. Heute müssen Wörter nicht mehr unbedingt immer mit Geld bezahlt werden. Nun ja, beim Mobiltelefonieren vielleicht. Und dieses Wort ist natürlich auch viel zu lang. Kostet viel zu viel Zeit, es auszusprechen. Daraus machen wir dann ein neues Wort. Am besten ein englisches. Dann klingt es gebildet. Weil ist ja aus was Englischem gebildet. „Handy“. Wenngleich die Engländer gar nichts davon wussten, dass wir uns eines ihrer Worte entliehen, da es ebenjenes in der schönen englischen Sprache gar nicht gab – zumindest nicht als Entsprechung für den Umstand, für den wir Deutschen es in unsere Sprache transportiert haben. Der Brite und die Britin sagen nämlich „mobile“. „Handy“ ist ein praktischer Begriff, aber dem Briten nicht angenehm für das transportable und kabelunabhängige Telefon. Und ein Verb lässt sich daraus auch nicht bilden. Eigentlich doch sehr unpraktisch, dieses „Handy“. Wir können nicht „handylieren“, wir müssen immer noch „anrufen“, obwohl wir keinen „Anrufer“ betätigen, der sind wir höchstens selber. Bei der Mobiltelefonie geht es um Zeit. Zeit ist Geld. Wörter kosten Zeit. Wörter sind teuer. Also spart man sie sich. Kurz fassen! Rasch das Nötigste mitteilen. Auflegen.

Bei Twitter geht es weniger um Geld. Mehr um kostbare Zeit. Die benötigt man bekanntlich zum Lesen. Twitter erlaubt nur 140 Zeichen pro gesendete Einheit. Von denen allerdings kann man so viele senden wie man mag. Ob sie dann gelesen würden ist eine andere Frage. Ist wohl eher unpraktisch, einen romanartigen Text zergliedert in tausend Parzellen á 140 Zeichen zu lesen, vor allem wenn er noch durchsetzt ist mit den 140-Zeichen-Parzellen anderer Twitterer. Da komprimiert man lieber gleich die wesentlichen Informationen auf eine Twitter-Einheit, einen so genannten Tweet. (Tweet ist natürlich viel kürzer als „Twitter-Einheit“ oder „gesendete Parzelle“ und deswegen eindeutig zu bevorzugen.)

Wozu führt uns dies alles nun – oder – um es mit den Worten der Altvorderen auszudrücken – was wollen uns diese Worte lehren? Die Verkürzung und Verknappung der Sprache führt zu Verkürzung und Verknappung ihrer Untereinheit: Des Wortes. Dabei sei aber zunächst die Frage erlaubt, ob die Sprache an sich wirklich verkürzt wird. Telegramm, E-Mail, Twitter, Handy und Co waren zu Zeiten der Verbalverschwender Goethe und Schiller noch nicht erfunden. Sie hatten noch die Zeit und den Platz auf papiernen Medien sich so lang und breit und ausschweifend und umständlich und mit denselben Worten denselben Sachverhalt mehrmals erwähnend, auch wenn es für das Verständnis überflüssig war, und selbst wenn man am Ende des Satzes dessen Anfang schon wieder vergessen hatte und noch mal den ersten Teil des Satzes lesen musste um dem Aussagesinn folgen zu können, zu äußern wie es ihnen in den Sinn kam. Die Masse an Sprache war indes trotzdem eine viel geringere. Bedenkt man die Langsamkeit des Buchdrucks und der Buchverbreitung aus der Druckerei in die Läden und Büchereien zum Leser, schneiden Twitter und Co doch besser ab. (Der Fairness halber muss man vielleicht besser sagen: Schneller.) Es wird also mehr Sprachmasse erzeugt. Könnte man Wörter wiegen, ergäbe sich sicher ein erklecklicher Betrag von einigen Tonnen, der tagtäglich im Internet durch den Orbit zu den Jusern (Pardon: Usern), geschickt wird. So viel Sprachmasse konnten Goethe und Konsorten gar nicht erzeugen. Das ist nur möglich, weil heutzutage jeder sein eigener Goethe ist. Mit seinem Blog zum Beispiel. Oder in der Kurzversion auf Twitter. Da dient Twitter aber eher der Information „ich hab was gebloggt über was interessantes kuckst du hier www.Meinblogaufdemichproduzierewieeinstgoetheimfaust.de Twitter-Einheiten werden da gebraucht wie Trittbretter zu anderen, weil interessanteren Aussichtsplattformen. Da bleibt man dann stehen, verweilt, liest, liest die Information oder den längeren Text, der wirklich lesenswert scheint, so lesenswert, dass man gewillt ist, seine Zeit dafür hinzugeben, zu „opfern“.

Also doch keine Wortverkürzung und –verknappung? Knappe Worte, nur um auf ausladendere Texte in anderen Medien, andern Internet-Plattformen hinzuweisen? Oder werden wir überschwemmt von Neologismen? Verarmt unsere Sprache? Verkommt unsere Jugend? Sprachbewahrer fürchten ein Absinken in den Anglizismen-Sumpf. Englische Wörter sind meist kürzer als ihre deutschen Entsprechungen, deshalb so beliebt für eine schnelle Wortneufindung. Das müssen wir verhindern! Zumindest, wenn man den Don Quijotes der Sprachbewahrinstitute glaubt. Dagegen muss das deutsche Volk ankämpfen. Eine Sprachverordnung wie es sie in Frankreich zur Bewahrung der französischen Sprache und ihren Schutz vor britischen und amerikanischen Einwanderern gibt muss her! Twitter ist gefährlich.

Also Neusprech bekämpfen? Ich beobachte lieber amüsiert und entzückt ob solcher Verbalkreativität meiner Mittwitterer und -twitterinnen wohin sich unsere schöne deutsche Sprache schlängelt. Schlängeln tut sie ja sowieso, ob nun durch Twitter und die englische Sprache oder wie im 18. Jahrhundert durch die italienische Sprache und die Oper oder die französische Sprache und das Postwesen oder in der Zukunft vielleicht durch eine Globalisierte Sprache („Globalsprech“?, „Globosprech“?, oder noch kürzer „Glosp“?), weil wir Twitter und SMS und E-Mail längst überholt haben und alle nur noch telepathisch kommunizieren durch den PULS, den schon Stephen King entdeckt hat, weil´s NOCH schneller geht - who knows? Ich lass mich immer gerne durch Twitter-Kurzbotschaften anregen. Da gibt´s lauter innovative und interessante Impulse für Schriftsteller(innen), Verbalakrobaten, Vokabelverbieger, Verseschmiede, Wortbauarbeiter, Textstricker, Buchstabenverquirler,.... ach ich vergesse mich - man entschuldige. Bin halt twitterinfiziert.
____________________________________________________
Zur Erinnerung:
„Neusprech“ ist ein Begriff aus Eric Arthur Blairs Roman „1984“, besser bekannt unter seinem Schriftstellernamen George Orwell. Der 1948 verfasste düstere und hoffnungslose Zukunftsroman kam durch einen Zahlendreher zu seinem Titel. „Neusprech“ bezeichnet eine vom Ministerium für Wahrheit geformte Sprache, die es vereinfachen soll, das Denken der Staatsbürger unter Kontrolle zu halten. Dabei kommen vor allem Euphemismen („Lustlager“ für „Folterlager“), griffige Parolen („Krieg bedeutet Frieden“), Vereinfachungen („ungut“ anstatt der unregelmäßigen Steigerung „schlecht“) sowie Verkürzungen („Miniwahr“ anstatt „Ministerium für Wahrheit“) zum Tragen. Ziel ist es, dass die Staatsbürger nicht mehr differenziert Gedanken ausformulieren können, damit sie keine Gegenstrategien zum bestehenden politischen System denken, und in der Folge natürlich planen können. Kritik wird unterbunden, neue Ideen von vorneherein verhindert.

Anmerkung:
Um meine Behauptung von der Unmöglichkeit eines Romans in Twitter-Format gleich ad absurdum zu führen, sei an dieser Stelle auf den Kurzroman vom Kueperpunk hingewiesen. Der ist nämlich Verfasser eines solchen.
http://www.sublevel12.de/kueperpunk/Alsesbegann.jpg
Kommentar veröffentlichen