Mittwoch, 29. Juli 2009

Matt Ruff - Ich und die anderen

von Zauselina Rieko




Die Geschichte

Die zwei Hauptfiguren des Romans sind Penny, genannt Mouse, und Andy Gage. Beide treffen aufeinander, weil sie in derselben Firma Arbeit finden. Erzählt wird die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven: Mal ist es Penny, die erzählt, mal Andy. Da es beide beschädigte Persönlichkeiten sind, kann der Leser so hin und her switchen zwischen verschiedenen Sichtweisen und das jeweils dargestellte Erlebnis aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
Penny wurde von ihrer geisteskranken Mutter schwer misshandelt und missbraucht. Als die Geschichte beginnt, ist sie eine junge Frau, die ständig in Betten irgendwelcher Männer aufwacht, ohne sich erinnern zu können, wie sie dahin gekommen ist. Auf ihren Arbeitsstellen hat sie immer wieder nach kurzer Zeit Schwierigkeiten, obwohl sie gute Arbeit leistet und auch nicht dumm ist. Aber sie sagt knallhart und offen ihre Meinung, wenn ihr etwas missfällt und sie sich bedroht fühlt, sodass sie dann jedes mal die Kündigung erhält oder von alleine geht. Die Gedächtnislücken beschreibt sie als ein „Herausfallen aus der Zeit“, als ein „In-Scherben-Zerfallen der Zeit“, als „Herausfallen einer Zeitscherbe“, aber auch als „Blackout“.
Andy wurde als Kind vom Stiefvater seelisch und physisch missbraucht und misshandelt. Der Stiefvater und auch die Mutter sind zum Beginn der Geschichte bereits tot. Der Stiefvater kam gewaltsam, wahrscheinlich durch einen Unfall ums Leben. Andy hat bereits eine Therapie gemacht, die aber nicht vollständig zu Ende geführt werden konnte, weil seine Therapeutin erkrankte.
Er empfindet sich selbst als aus mehreren Seelen bestehend. Der Körper ist von diesen Seelen getrennt, wird immer von einer Seele gesteuert. Er nennt das „einer Seele Körperzeit geben“. Die Seelen sind wie vollständige Persönlichkeiten, verschieden von den anderen, mit unterschiedlichen Charakteren und Stärken und Schwächen. Um das Chaos in seinem Inneren zu ordnen, hat er mit Hilfe der Therapie begonnen, den Seelen ein Haus zu bauen, in dem sie leben können. Dieses Haus besteht nur in seinem Kopf, Andy weiß das auch.
Penny hat einen anderen Weg gesucht, um mit ihren Erlebnissen fertig zu werden, allerdings gelingt ihr das weitaus schlechter, weil sie noch keine Therapie gemacht hat. Ihre Seelen haben auch Namen. Sie empfindet sie ebenfalls als vollständige und individuell agierende Personen. Aber sie hat nicht eine Art Ordnung für sie gefunden oder erschaffen wie Andy, was bedeutete, dass die Einzelseelen den Körper übernehmen, ohne übergeordneten Koordinator. Dadurch erklären sich die Gedächtnislücken und die Blackouts. Ihre Seelen kommunizieren miteinander, indem sie sich geschriebene Botschaften hinterlassen: Zettel an der Pinwand, Briefe, Notizen auf dem Schreibtisch. Die Seelen wissen nicht voneinander, und das macht Pennys Leben so kompliziert und für sie selbst unübersichtlich.
Penny und Andy machen sich irgendwann gemeinsam auf eine Reise quer durch die Staaten zu Andys Elternhaus, um Licht in seine Vergangenheit zu bringen.

Erzählweise

Matt Ruff erzählt mit schrägem Humor trotz der Tragik im Leben seiner Figuren. Eine Seele in Andys Kopf beschimpft die andern Seelen, sie seien bloß Einbildungen, gar nicht real, nur er – Gideon sein Name – existiere wirklich.
Die verschiedenen Seelen von Andy unterhalten sich mit den verschiedenen Seelen von Penny, aber nicht immer wissen die anderen Seelen, wer sich gerade mit wem unterhalten hatte.
Trotz des bedrückenden Themas hat Ruff kein deprimierendes Buch geschrieben. Es ist nicht schwermütig und düster. Ruff erzählt in tragikomischer Weise von einer Erkrankung, die als solche nicht mal von allen Medizinern anerkannt ist.
Die Gewalthandlungen und der Missbrauch werden nur insofern erzählt, als es zum Verständnis der Reaktionsweisen der Figuren nötig ist. Wenn Kindheitserlebnisse geschildert werden, dann durchlebt der Leser mit dem Kind das verstörende Verhalten der Erwachsenen, aber sexuelle Handlungen werden nicht ausgebreitet. Es geht nicht darum, sensationelle Verbrechen zu erzählen, sondern eine irrwitzige Fahrt in die Tiefe einer beschädigten Persönlichkeit zu unternehmen.


Diagnose

Die Diagnose lautet Dissoziative Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen selber sprechen eher von multipler Persönlichkeit, was dem Eigenempfinden als aus vielen Seelen bestehender Persönlichkeit mehr gerecht wird.
Nicht alle Psychiater und Psychologen erkennen das Krankheitsbild als solches an. Matt Ruff selber möchte nicht öffentlich diskutieren, ob die Krankheit in der Form existent ist oder nicht. Er möchte in seinem Buch lediglich durchspielen, was wäre wenn… Also was wäre wenn es die Krankheit in der Form gäbe und zwei Menschen mit der gleichen Krankheit aufeinander treffen. Wie kommen sie miteinander zurecht? Wie kommen sie mit dem eigenen Leben (oder DEN Leben) zurecht? Wie würden die Einzelpersönlichkeiten untereinander kommunizieren? Wie kommunizieren die Einzelpersönlichkeiten der einen Person mit denen der andern Person?
Andy selbst stellt Überlegungen zum Thema „Schuld“ und „Verantwortung“ an. Ist ein Multipler verantwortlich für etwas, was eine Seele getan hat, von der eine andere Seele keine Ahnung hat? Er klärt das für sich so, dass er aggressiven Persönlichkeiten nicht gestattet, den Körper zu steuern. Seine Verantwortung ist es, die Persönlichkeiten zu koordinieren und in die Räume seines Inneren zu verweisen, in denen sie keinen Schaden anrichten.

Der Begriff „Schizophrenie“ wird laienhaft mit „Persönlichkeitsspaltung“ übersetzt, was aber nicht das Wesen der Krankheit trifft und auch nicht korrekt ist. schizo (gr.) bedeutet „sich abspalten“.
Symptome sind z. B. Wahrnehmungsstörungen, Störungen des Denkens, Wahn, Halluzinationen.
Schizophrenie verläuft in Schüben, was bedeutet, dass eine akute Phase mit Verschlimmerung der Symptome abklingt aber nicht ohne Folgeschäden bleibt.
Weltweit und in allen Kulturen gleichermaßen beträgt das Vorkommen von Schizophrenie-Erkrankungen 1%. Die Ursachen sind noch nicht exakt geklärt. Genetische Zusammenhänge (Vererbung) scheinen eine Rolle zu spielen. Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen, was das Erkrankungsalter anbetrifft; das spricht für hormonelle Einflüsse.
Ein schizophrener Schub braucht keinen Trigger (Auslöser) für eine akute Phase. Den Flashbacks und Blackouts der dissoziativen Störung hingegen gehen Trigger voraus.

Der Autor

Matthew Theron Ruff
* 8. September 1965 in Queens, New York / US-amerikanischer Schriftsteller.
1987 Abschluss des Studiums an der Cornell University. Der erste Roman ist gleichzeitig seine Magisterarbeit.
Seine Mutter ist Südamerikanerin und sein Vater Amerikaner. Er sagt selber über seine Erziehung, die sei eine Art multikulturelles Experiment gewesen.
"Ich und die anderen" (Set this house in order - Originaltitel) ist Ruffs dritter Roman. 2004 erhielt er dafür den Washington State Book Awards

Hier geht´s zur Homepage des Autors: http://home.att.net/~storytellers/
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