Donnerstag, 2. Juli 2009

Das Herz der Hölle

von Zauselina Rieko


Krakau, aus der Finsternis herausgemeißelt. Die Mauern der Stadt waren rissig, ihre Straßen aufgesprungen - augefranste Schals aus Nebel hatten sich um ihre Hochhäuser und Kirchtürme gewickelt. Alles schien bereit für eine "Walpurgisnacht". Auch an Wölfen und Hexen fehlte es nicht.
In Polen wurde es früher dunkel. Oder es braute sich ein Gewitter zusammen. Oder meine Wahrnehmung von Hell und Dunkel hatte sich verändert. Als ich zu der genannten Zeit in die Klostergärten zurückkehrte, schien es mir, als wären die Bäume und Sträucher und Kirchenfenster bereits in Finsternis gehüllt. Nur ein quecksilbriges Schimmern hielt sich noch zwischen den Nadeln der Tannen, den Zweigen der Buchsbäume, den Figuren der Glasmalereien an den Fenstern.
Mittag. Es war noch immer nicht richtig hell. Dichter Nebel hüllte die Stadt ein. Die Straßen existierten nicht mehr. Die Gebäude glichen Erzhalden - Bergen, die die Wolkendecke durchstoßen hatten, wie auf einem chinesischen Gemälde. Einige niedrige Äste schimmerten vor Nässe, aber ihre Konturen verschwammen in dem perlmuttartigen Dunst. Die Straßen waren menschenleer. Krakau schien verlassen zu sein. Nur einige Autos glitten mit angeschalteten Scheinwerfern durch die Suppenküche und lösten sich dann auf wie Geisterschiffe.


Dies sind drei Textstellen aus Das Herz der Hölle von Jean-Christophe Grangé. Die Beschreibung der Stadt Krakau unterstreicht die düstere Atmosphäre des Thrillers und zeigt auch das sprachliche Können des französischen Autors. Dabei geht es eigentlich eher rasant zu in der Geschichte: Verfolgunggsjagden über Autobahnen und durch Tunnels, durch düstere Tannenwälder oder dichten Nebel in einer Großstadt. Bizarre Kriminalfälle führen den gläubigen Katholiken und Commandant der Mordkommission Mathieu Durey quer durch Europa. Die in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten begangenen bestialischen Morde weisen alle die Handschrift eines einzigen Mörders auf, der aber unmöglich an allen Orten gleichzeitig gewesen sein kann. Außerdem gibt es für die Fälle geständige und überführte Täter. Die Hinweise verdichten sich, dass Satan persönlich dahinter steckt. Doch der überzeugte Christ Durey weigert sich, einer irrationalen Lösung zu verfallen und sucht eine logische Antwort. Dies führt ihn an die Grenzen seines Glaubens und zur Liebe seines Lebens.

Jean-Christophe Grangé, Das Herz der Hölle ( Originaltitel Le serment des Limbes), Bastei Lübbe, ISBN 978-3404162840, 9,95 €
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