Samstag, 25. Juli 2009

Bücher brauchen Buden I.

von Zauselina Rieko




Billy von IKEA
Grundeinheit für 45 €




Bücher wollen nicht nur gelesen werden, sie brauchen auch eine würdige Unterkunft: Eine Bücherbude, wo sie die meiste Zeit ihres Lebens wohnen, selbst wenn es viel gelesene Bücher sind.
Unschlagbar ist da immer noch das Ikea-Utensil, das in den 70er Jahren nur in den Zimmern von Jugendlichen anzutreffenn war , die das erste Geld ihr eigen nennen konnten und in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer nichts duldeten, was nach verstaubtem Altdeutschtum á la Eichenvitrine und Zinndeko aussah: Billy, das Bücherregal. Auch gut für Nippes, Schreibzeug, Socken, Radio, Geschirr, Stofftiere, ... Ärgernis und Anlass zum Kopfschütteln für alle, die schon uralt (also über 30 Jahre) waren. Heute natürlich in den Wohnzimmern jener Ex-Jugendlichen und selber 40- bis 50-Jährigen zu finden. Billy lässt sich beliebig erweitern, kann mit Glastüren versehen werden, sodass man immer noch schnell seine Bücher übersieht, diese aber vor Staub geschützt sind. Beliebig erweiterbar um Regalbretter, Holz- oder Glastüren und Grundelemente. Nur die Variante mit Backsteinen und Brettern ist da noch billiger und stylisher, wenn auch weniger wackelsicher und deshalb in der Höhe nicht beliebig ausbaubar.



Bücherbuden der ganz anderen Art finden sich seit wenigen Jahren in manchen Städten in den ehemals gelben Post-Telefonzellen. Wo früher akustisch verbalisiert wurde, wird heute Buchstäbliches konsumiert. Die Idee: Ausgelesene Bücher raus aus den Privatregalen, wo niemand mehr was davon hat, rein in das "Regal" namens (Ex-)Telefonzelle, wo jeder sie ausleihen kann. Dabei muss man aber nicht sowas Lästiges wie Fristeneinhaltung oder Säumnisgebühren befürchten. Einzige Regel: Wer ein Buch entnimmt, stellt ein eigenes hinein, damit es keinen Bücherschwund gibt.


Unter dem Motto "Asche zu Asche, Buch zu Baum" dient diese Bauminstallation in Berlin ausgelesenen Büchern als neues Zuhause. Die gefällten Bäume wurden nicht erst zu Brettern verarbeitet, bevor sie als Regal für das Material umfunktioniert wurden, das aus ihnen gemacht ist: Papier zwischen Buchdeckeln. Auch hier gilt, dass man ein Buch entnimmt und ein anderes einstellt. So bleibt die öffentlichste Bücherei bestückt mit Ausleihware.

Wie jeder weiß, kommt das Wort Presse natürlich von Espresso. In London kann man die Ursprünge der Espresso-Herstellung beobachten, wenn die literarischste Druckerpresse der Welt wieder das tut, wozu sie ursprünglich konzipiert war: Bücher herstellen. Heutzutage zweckentfremdet für die Kaffeeproduktion tut sie in London wieder Dienst an der Lesergemeinschaft und druckt auf Nachfrage vergriffene Titel, die im Buchhandel nicht mehr zu finden sind oder Titel von lange verstorbenen Schriftstellerinnen, die sich nicht gut verkaufen, aber unter Literatur-Kennern geschätzt sind. Zugriff auf die großen Online-Archive ermöglichen sofortiges Herunterladen und anschließendes Umsetzen in Buchstaben auf Papier. Wahlweise kann man auch das eigene Buch drucken lassen, wenn man (noch) keinen Verlag gefunden hat, der einen veröffentlicht oder wenn man mit ein bis zwei Exemplaren für das Bücherregal daheim und ein Geschenk an einen Bekannten zufrieden ist.
Gerüchten zufolge soll die Technische Universität in Timbuktu eifrig an einer Maschine forschen, die nun Moderne und Klassik wieder verbindet: Einer Buch-Espresso-Druckerei, die gleichzeitig mit jedem gedruckten Buch eine Tasse Kaffee serviert. Im Moment sind letzte Schwierigkeiten bei der Wahl des Kaffees noch nicht ausgeräumt, wie uns der Leiter des Projekts Dr. Rainer Unfug mitteilte. Vor allem bei der Geschmacksrichtung Vanille sei es zu fatalen Verwechslungen gekommen. Die Buchseiten 354 bis 789 eines mehrbändigen Nachschlagewerkes schmeckten nach Vanille, die Seiten 899 bis 976 aber nach Schoko, dafür sei der mitgelieferte Kaffee allerings mit zwar interessanten, aber wenig schmackhaften Einträgen über das nepalesische Zweihornrind angereichert gewesen. Aber man arbeite an dem Fehler, versicherte Dr. Rainer Unfug. Quelle: E.N.T.E. Presseagentur

Wären als letztes noch die virtuellen Bücherregale zu erwähnen, wie man sie bei BookCrossing findet. Diese Regale stehen auf einem Server. Der erste Schritt zum Aufstellen eines solchen Regals ist die Eröffnung eines BC-Kontos unter einem beliebigen Nicknamen. Das geht hier: http://www.bookcrossing.com/join Deutschsprachige Informationen findet man hier: http://www.bookcrossing.de/ Dann nimmt die frisch gebackene BookCrosserin ihr Buch aus dem Wohnzimmerregal, registriert es unter eben jenem neuen Nicknamen bei BookCrossing, welches dann wiederum eine ID (identification number) erhält und nun jederzeit wieder auffindbar ist unter dieser Nummer. Damit steht das Buch im virtuellen Bücherregal bei BC. Dort können andere BookCrosser es auf Anfrage ausleihen oder man kann es frei lassen, was bedeutet, dass man es auf gut Glück irgendwo in der Stadt oder in der Natur (möglichst regensicher!) deponiert mit einem Hinweis an den Finder, wo und wie er das Buch bei BC rückmelden kann. Auf diese Weise lässt sich die Reise eines Buches weiter verfolgen. Die Finder können anonym bleiben. Natürlich müssen die realen Bücher weiterhin in einem realen Regal stehen. Dazu ist zum Beispiel "Billy" von IKEA geeignet, womit sich der Kreis wieder schließt und meine Betrachtungen sich dem Ende zugeneigt haben.
Kommentar veröffentlichen